KinoL.A.ndschaft

Solange Städte existier(t)en, gab und gibt es eine kulturell-gesellschaftliche Verständigung über die ‚Stadt als Bild‘. Ganz in diesem Sinne steht Hollywood seit dem frühen 20. Jahrhundert als metaphorischer wie tatsächlicher Repräsentant für Film beziehungsweise Filmbusiness – und mit diesem Stadtteil eigentlich ganz Los Angeles. Wolf Jahnke versucht in „Los Angeles – Mit Hollywood durch L.A.“ herauszufinden, wie die in der Metropole L.A. spielenden Filme deren Urbanität reflektieren und ihr Image mitgestalten.

Der Duft der großen weiten Welt – oft auch nur Smog genannt. © Diliff/Wikipedia, Lizenz: CC BY-SA 3.0

Kino- und Reiseführer

Die Einleitung beginnt vollmundig: „Los Angeles ist die vielfältigste Stadt der Welt.“ Zwar werden hierfür keine Beweise geliefert, doch wer möchte schon daran zweifeln, wenn sich immerhin ein ganzes Buch über diese City schreiben lässt!? Zweifelsohne ist L.A. als zweitgrößte US-amerikanische Stadt und Zentrum Kaliforniens eine ebenso extreme wie komplexe Mega-Metropole; doch sie war nie eine Weltstadt im Sinne von universeller Bedeutungsmacht oder gar ein Labor zeitgenössisch-globaler Zivilisation. So steht Wolf Jahnkes Werk von Anfang an unter einer Prämisse, die weder durch historische, gesellschaftliche oder künstlerische Studien belegt ist, noch den Realitäten entspricht. Indirekt bestätigt Jahnke dies, wenn er erwähnt, dass erstaunlich spät, nämlich erst 1990 mit „City of Quartz“ von Mike Davis die erste seriöse Stadtgeschichte geschrieben wurde.

Internationalen Einfluss übt L.A., die ‚Stadtgalaxie‘, neben der Musikszene eigentlich nur über die Filmindustrie aus. Tatsächlich wären, natürlich bis auf wirtschaftliche, die Interessen an der City wohl vergleichsweise gering, wenn diese nicht über das Kino einen speziellen Nimbus erworben hätte. Der setzt sich aus zahlreichen Images und Klischees zusammen, welche Wolf Jahnke anhand von primär amerikanischen Filmen aus den letzten 30 Jahren sowie einigen Fernsehserien herausfiltern, analysieren, schließlich ordnen will. Darüberhinaus versucht er sich auch an einem Kinoreiseführer, indem er als Anhang auf rund 40 Seiten eine Filmlandkarte mit bekannten Drehorten auffächert.

Glanz und Glamour an der Tagesordnung? © Geographer, Lizenz: CC BY-SA 3.0

Fehlender theoretischer Überbau

In einer kleinen Einführung erläutert der Autor die Wechselwirkung zwischen echtem Schauplatz und fiktivem Kino, im Prinzip eine höchst spannende ästhetisch-authentische Abhängigkeit, deren innerer Dynamik seine kurzen obligaten Aussagen allerdings kaum gerecht werden. Überhaupt legt Wolf Jahnke wenig Wert auf einen theoretischen Überbau, was bei diesem vielschichtigen Sujet ‚Stadt im Film‘, das filmwissenschaftliche, soziologische und historische Aspekte einschließt, notgedrungen thematische Verkürzungen bedeutet.

So wird von L. A.’s Stadtgeschichte nur das 20., also das Hollywood-Jahrhundert betrachtet, lokale Filme werden erst ab den 1970/80er Jahren gewürdigt, was der in dieser Zeit rasant ansteigenden Fülle geschuldet sein dürfte. Überhaupt hat die cineastische Selbstbespiegelung von L.A. in den letzten drei Jahrzehnten ein Ausmaß erreicht, das beinahe schon einer Suche nach der eigenen Identität gleicht. Will die synthetische, breit wuchernde City sich ihrer selbst vergewissern? Wolf Jahnke zumindest gibt darauf keine Antwort; stattdessen bedient er sich der vorhandenen Filmflut, um so zahlreiche urbane Facetten zu präsentieren zwischen Megalopolis und Riesendorf, zwischen Glamour und Gewalt.

Cineastische Stadtbetrachtung

Tatsächlich bieten L.A.-Filme unterschiedlichste Perspektiven auf die multikulturelle Metropole, oft im Genre-Gewand. Als Ort dystopischen Zerfalls entdeckt sie der Science-Fiction-Film in den 1980er Jahren (grandioser Meilenstein: „Blade Runner“, 1982), als Brennpunkt von Gewalt der Polizei- und Actionfilm („Colors – Farben der Gewalt“, 1988), während in den 1990ern das sozialkritische Ghettodrama mit Rassenthematik („Boyz N The Hood“, 1991) zu dominieren beginnt. Klassischer Horror hat nie eine größere Rolle gespielt, dafür fühlen sich hier, wo stets das ultimative Erdbeben ‚Big One‘ erwartet wird, offenbar Sektierer, Serienkiller und sonstige Soziopathen („Todfreunde“, 1990) heimisch. Kein Wunder, dass sich L.A. nicht zu einer Komödienhauptstadt entwickelte, Ausnahmen vorbehalten (glänzendes Highlight: „The Big Lebowski“, 1998).

Da die City zudem gewissermaßen geschichtslos ist, hat L.A. auch keine typischen Historienfilme über sich zu bieten, dafür den Film Noir (Meisterwerk des Post-Noir: „L.A. Confidential“, 1997) oder Zeitgeistportraits („Boogie Nights“, 1997; „Dogtown Boys“, 2005). Als eine der angemessensten künstlerischen Sichten auf Los Angeles wird immer wieder der Ensemble- bzw. Episodenfilm („Grand Canyon“, 1991; „Magnolia“, 1999; „L.A. Crash“, 2004) ab Beginn der 1990er zitiert, weil er der Ambivalenz, Flüchtigkeit und Weitläufigkeit einer gesellschaftlich uneinheitlichen Stadt am ehesten entsprechen kann.

Besondere Aufmerksamkeit richtet Wolf Jahnke auf die typischen L.A.-Regisseure Michael Mann (‚Heat“, 1995; „Collateral“, 2004), Quentin Tarantino („Pulp Fiction“, 1994) und David Lynch („Mulholland Drive“, 2001), hat allerdings über die treffende Interpretation ihrer Werke hinaus nicht viel Verbindliches beziehungsweise Verbindendes zu deren Stadtperzeption zu sagen.

Eher Nachschlagewerk denn filmwissenschaftliche Analyse

Darin liegt im übrigen die entscheidende Schwäche des Buches, dass es nämlich von Film zu Film springt, hier und dort Fakten zur Kino- wie Stadtgeschichte einbaut, aber letztendlich aus den Einzelbetrachtungen keine analytische Dichte entwickelt. Es funktioniert eher wie ein Nachschlagewerk, ist sorgfältig recherchiert, ansprechend bebildert, mit guter Bibliographie und übersichtlichem Register versehen. Wäre es als eine solche vielseitige Chronik konzipiert, würde es überzeugen. Weil jedoch eine motivische Einordnung der L.A.-Filme angestrebt wird, fällt die fehlende Differenz der Analyse wie auch die mangelnde Systematik auf. Der Eindruck von Beliebigkeit entsteht.

Schon der Katalog urbaner Bilder unter „Typisch L.A. – Images und Klischees“ wirkt wahllos, springt von Typischem wie nächtlichem Lichtermeer, Engelmetaphorik oder Autopolis mit Freeway-Geographie zu Allgemeinem wie Finanzmacht, Style statt Substanz und Medienhype. Hier löst sich L.A. in gängiger Städte-, teils auch Amerikawahrnehmung auf. Schade, möchte man meinen, denn das Thema an sich ist reizvoll, wird von Wolf Jahnke mit großer Kenntnis und Sympathie vorgetragen, nur die theoretische Durchdringung fehlt. Gleichwohl werden nachdenkenswerte Ansätze geboten, etwa wenn der Autor mithilfe treffender Filmbeispiele (zum Beispiel: „Falling Down“, 1993 vs. „Taxi Driver“, 1976) das Spannungsfeld zwischen L.A. und New York eröffnet, explizit zwischen der künstlichen, sonnigen Stadtwüste und der pulsierenden, grauen Wolkenkratzercity. Hier wird die Bedeutung dessen klar, dass Stadt im Film mehr als nur Kulisse, Idee oder Mythos sein kann, nämlich ein Lebensraum mit starkem ‚Individualcharakter‘, der das Erzählen von Geschichten in und über ihn beeinflusst. Die Stadt lebt – nicht zuletzt im Kino.

(Nathalie Mispagel, academicworld-Kinoexpertin)

Jahnke, Wolf: Los Angeles – mit Hollywood durch LA

264 Seiten
Schüren Verlag
24,90 Euro


Stand Juli 2011

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