Karnevalstruppen

Da sind wir jetzt also Weltmeister. Wir waren ja auch schon mal Papst (das haben uns – ausgerechnet- die Argentinier weggenommen). Und wir waren mal Exportweltmeister (das haben uns die Chinesen geklaut). Nur: Ich persönlich hatte noch nie das Gefühl, Fußballweltmeister zu sein. Ich kann gar nicht Fußball spielen. Und Papst war ich auch noch nie. Ich hab mal mit dem polnischen Papst Wojtyla geredet – immerhin: persönlich sogar (das war bei einer Audienz auf einer Klassenfahrt meiner katholischen Mädchenschule, aber das ist eine andere Geschichte). Und mit dem Exportieren sieht es auch ganz schlecht aus bei mir. Meine Bücher und Texte gibt es nicht mal auf Englisch.

Katharina Ohana, Psychologische Beraterin, Bestsellerautorin und academicworld-Expertin

Was macht also dieses „wir“, das jetzt Weltmeister ist, aus? Es ist psychologisch betrachtet eine Identifikation mit Führungsfiguren und Helden. Diesen Trick hat die Evolution uns Gruppenwesen-Menschen mitgegeben, damit in einer Kampfsituation ein Anführer oder die Leitfiguren sagen, wo es lang geht, die Kräfte koordinieren –  ohne dass Neid und Missgunst entstehen. Das wäre überlebensschädlich für die Gruppe. Also denken und fühlen sich einfach alle klein Fuß-Soldaten (in unserem Fall: Fuß-Ballfans) so, als wären sie die Helden, die Leitfiguren, die die Verantwortung für den Sieg tragen. Man puscht das eigene Selbstwertgefühl durch die Leistung der anderen, und der eigene kleine Beitrag (das Mitfiebern, vorm Fernseher sitzen und Glücks-Trikot tragen, auf der Fanmeile stehen und Fachsimpeln) wird als wichtiger Beitrag zum großen Kampf hochstilisiert. 

Das Wir-Gefühl hat besonders gut funktioniert in der Propaganda der Weltkriege. „Jeder Schuss ein Ruß, jeder Stoß ein Franzos!“ Heute wird auf dem Fußballfeld geschossen und gestoßen. Das ist dort zum Glück harmlos (was der brasilianische Superstar Neymar aber wahrscheinlich gerade nicht so sieht). Aber die psychische Grundlage, die notwendige gruppendynamische Euphorie beim Weltfußball und beim Krieg, ist dieselbe. Das macht die Sache so gefährlich und mir jeden Autokorso mit völlig unsportlichen Möchtegern-Siegern und -Siegerinnen so unheimlich. Aber je weniger wichtig und je mehr drangsaliert man sich in seinem Alltagsleben fühlt, umso lieber nimmt man diesen Gruppenselbstwertpusch durch einen Sieg (mit dem zweitkleinsten gemeinsamen Nenner: Deutschland; der kleinste wäre: Mensch; Europa ist ja leider kein Identitätsstifter) an. Das gilt für Manager, Hausfrauen und alle, die beim Volleyballspiel immer als Letzte in die Mannschaft gewählt wurden. 

Diese WM war auch ein Beweis dafür, dass jede Nationalmannschaft von diesem „Wir“ der Fans möglichst weit Abstand hält. Die überschlagende Hysterie bei einem Sieg – noch dazu bei einem 7:1 im Halbfinale gegen den Rekordweltmeister Brasilien – war an der Grenze zum Pathologischen: Das Spiel war noch nicht zu Ende und die „Bedeutung für die Ewigkeit“, die heraufbeschworen „Fußballgeschichte“ im hier und jetzt, zeigte die große Sucht nach Selbstwertsuperlativen eines „ICH ICH ICH war dabei!!!!!!“. Der mittlerweile überbordende Sportjournalismus trötet mit in diese Wuwuzela. Manchmal hat man das Gefühl, die Journalisten sind wie von Sinnen, dass sie so nahe an die Helden heran dürfen, das in ihrem Selbstwert-Sicherungskasten, ohne berufsethische Erdung, alle Sicherungen auf einmal raus fliegen.

In der Kehrseite dieser „Wir-Siege“ wird die Gefahr noch deutlicher: Wenn die Helden den kollektiven Selbstwertpusch nicht liefern, dann werden sie niedergemacht. Plötzlich erinnern sich die Journalisten und Fans daran, wieviel diese Helden verdienen – ohne dass sie die gewünschte Droge geliefert haben. Sie werden zu unfähigen, verhassten, kleinen Menschen herabgestuft  und so benehmen sie sich dann auch – besonders in Ländern, in denen sie sich vorher von der Euphorie ihrer Fans haben mitreißen lassen. Würde man Nationalmannschaften Diagnosen aus der Kinder- und Jugendpsychologie zuordnen, dann wären die Brasilianer kleine Narzissten: Verwöhnte Kinder, die es gewohnt sind, der Mittelpunkt der Familie zu sein, Mamas ganzer Stolz und Lebensinhalt, die kein „Nein“ kennen und sonst alles bekommen. Sobald sie im Kindergarten das erste Mal auf Widerstand treffen, heulen sie gekränkt und verzweifelt los. Dagegen sind die Holländer und Kolumbianer so richtige Arschlochkinder: Nach hinten hin wird gefault und intrigiert und nach vorne hin theatralisch simuliert und gepetzt. Mexikaner oder Belgier sind eher diese Kinder, die immer sehr kreativ vor sich hin spielen, aber deshalb oft nicht im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stehen. 

Als eine der wenigen Mannschaften haben sich die Deutschen im Spiel und in ihrem Umgang mit dem „Wir-Wahn“ und dem Gegner halbwegs erwachsen verhalten. Das Selbstverständnis der deutschen Mannschaft war, um Per Mertesacker zu zitieren, zum Glück nie das einer „Karnevalstruppe“. Das man mit dieser realistischen, erwachsenen Haltung eine WM gewinnen kann, lässt mich dann doch ein bisschen stolz sein. Es ist ein Zeichen, dass Bewusstseinsevolution durch Psychologie, also mein persönlicher täglicher Job, eine sinnvolle Sache ist.

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