Karl May, Old Shatterhand und die Monster des Alltags

Bunte Bilder von Monstern und Phantasiegesichtern – Christian Moser liebt seine Geschöpfe und seine Arbeit. Der Comiczeichner, Autor und Kabarettist hat gerade eine Biografie mit Illustrationen über Karl May veröffentlicht – zum 100. Todestag des beliebten Schriftstellers. Für ihn empfindet Moser nicht nur große Bewunderung, sondern auch ein klein wenig Neid.

Das gabs noch nie: eine Biografie über Karl May in bunten Bildern; erschienen 2012 im Carlsen Verlag

Christian Moser ist umgeben von seinen Werken: Kleine kunterbunte Porträts von gezeichneten Gesichtern, die abgelebt, düster, abgemagert oder fett aussehen und von kahlen Wänden auf ihren Schöpfer und die rund 25 Besucher herabblicken. Mehr Zuhörer hätten auch kaum Platz in dem kleinen, abgedunkelten Atelier, in dem die Lesereise des Karikaturisten und Kabarettisten Christian Moser zu seiner neuen Biografie über Karl May beginnt. Es ist eine Biografie in bunten Illustrationen, geschildert aus der Sicht einer der bekanntesten Figuren Mays: Old Shatterhand.

Moser steht am Pult, er ist in Schwarz gekleidet, hebt sich ab von seinen eigenen bunten Zeichnungen. Sein Äußeres passt in das Bild eines Comiczeichners – das rundliche Gesicht wirkt freundlich, gutmütig, er hat dunkles Haar und auf seiner kleinen spitzen Nase sitzt eine dominante, schwarze, eckige Brille, die jedem Zeichner zuerst ins Auge springen würde. Lediglich sein Lächeln hat etwas Ernsthaftes, vielleicht sogar Trauriges.

 

 

Beneidenswert: der Phantasienreichtum Karl Mays © Christian Moser / Carlsen Verlag, 2012

Das bunte Leben des Karl May

Mit dunkler, klarer Stimme erzählt Moser vom Leben des Autors, seiner Kindheit als blinder Sohn einer armen Weberfamilie, seiner kriminellen Vergangenheit und schließlich dem Weg zu Ruhm und Anerkennung. An der Wand des Ateliers leuchten die verschiedenen Illustrationen auf, die die Besucher immer wieder zum Lachen bringen: 
Karl May als kleiner, blonder Junge mit großen, leeren Augen, der sich in abgerissener Kleidung am Fuß des Webstuhls seines Vaters zusammenkauert. Sein Umfeld, das er aufgrund einer krankheitsbedingten Erblindung nicht sehen kann, fantasiert er sich zusammen. 
Karl May als fantasiegetriebener Autor, der sogar bei seinen Spaziergängen mit seiner Frau wie ein Indianer auf der Pirsch Ausschau hält nach neuer Inspiration.
Oder Winnetou in einem schwarzen Anzug, wie er in einer Kneipe in Dresden seinem Freund Old Shatterhand und dessen Gesangsverein bei der Singprobe zuhört – eine witzige Szene, die sich tatsächlich so in einem Roman Karl Mays abspielt. Wenige Pferde sind zu sehen. „Das liegt daran, dass ich Pferde einfach nicht zeichnen kann. Deshalb habe ich sie vermieden, wo es ging“, gibt der Künstler lachend zu.

 

 

Witzig sind auch die Zeichnungen Mosers zum Thema „Monster des Alltags“

Monster im Atelier des Künstlers

Die Liebe zu seinen Figuren ist es, die Christian Moser ausmacht. Das zeigt sich auch in seinem Atelier im oberen Stockwerk eines Hauses in München. Seine Arbeit ist voll und ganz in Mosers Leben integriert, sein Atelier ist zugleich sein Wohnzimmer. Überall sind sie hier zu finden: Die kleinen „Monster des Alltags“, Mosers Zeichnungen von Ungetümen, die Eigenschaften und Zustände wie „Jugendlicher Leichtsinn“, „Inspiration“ oder „Innere Leere“ darstellen. Schon im Gang begegnet man dem ersten kleinen grünen Monster auf einer Leinwand, das hinter einer Reihe gestapelter Kartons neckisch hervorlugt und die Überschrift „Die Schlamperei“ trägt. 

Von Schlamperei ist in Mosers Atelier aber nichts zu erkennen. Im Gegenteil. Das Atelier und Wohnzimmer ist für einen Künstler sehr ordentlich aufgeräumt. Ein roter Perserteppich ziert den Boden, zwei große bunte Comiczeichnungen an den Wänden, eine dunkle Stoffcouch, gegenüber zwei große Schreibtische – einen zum Schreiben, der Andere zum Zeichnen. Auf diesem stehen viele Schreib- und Zeichengeräte, Pinsel und Farben, alle in Behältern geordnet und farblich sortiert. In den Schränken sind alle Dokumente fein säuberlich in Kisten verstaut, die mit weißen Etiketten gekennzeichnet sind.

 

 

Der Münchner Zeichner und Kabarettist Christian Moser hat eine Biografie in Bildern über Karl May veröffentlicht. © Stephan Vorbrugg

Eine Biografie in Bildern entsteht

Sitzt Christian Moser an einem seiner Tische, blickt ihn von gegenüber die Monsterfigur „das schlechte Gewissen“ an. Wahrscheinlich hat ihn diese in den vergangenen Monaten öfter mit strengem Blick an den Abgabetermin der Karl May Biografie erinnert. Drei Jahre lang dauerte die Vorbereitung des Buches – ein kreativer Prozess, der sich in verschiedene Phasen aufteilte. Zunächst beschäftigt sich Moser über ein Jahr lang mit der Recherche zum Leben des Schriftstellers, dann schreibt er die Biografie. Die Zeichnungen zu Karl Mays Lebensstationen fertigt Moser in dreieinhalb Monaten an. In der Endphase vor dem Abgabetermin zeichnete er sechs Tage am Stück zwischen zehn bis zwölf Stunden. 

 

 

Obwohl Karl May ungern verreiste, sammelte er Andenken aus der ganzen Welt. © Christian Moser / Carlsen Verlag, 2012

Moser und May – unter Kollegen

Obwohl der Künstler in seiner Kindheit kein großer Karl May Fan war, bewundert er ihn heute als Schriftstellerkollegen: „Karl May ist der Weltmeister des Eskapismus. Er hat niemals geplant geschrieben und hat auch nie redigiert.“ Mosers Arbeitsweise ist mit Karl Mays nicht vergleichbar. Seine Arbeitsprozesse laufen sehr geordnet ab, er macht sich Notizen auf kleinen Zetteln, die er dann auch farblich nach Arbeitsschritten markiert. „Auch wenn ich nicht mit Karl May tauschen möchte, beneide ich ihn doch um seine Begabung, einfach darauf los zu schreiben“, bestätigt der Künstler.

Trotz der unterschiedlichen Arbeitsweisen gibt es auch Gemeinsamkeiten zwischen dem Karikaturisten und Karl May. Um ihre grenzenlose Phantasie anzuregen, müssen sie nicht in die Ferne reisen. Ähnlich wie Karl May war auch Moser bisher noch nie in Amerika – das wolle er sich ansehen, wenn er einmal beruflich dort zu tun habe.

 

 

Wenn Moser seine Monster zeichnet, ist er in seinem Element.

(K)eine Spur von Ernsthaftigkeit

Ab und zu habe Moser es auch mit anderen Formen der Zeichnung versucht. „Egal, was ich male, die Menschen müssen lachen“, erklärt Moser. Mit Anfang 20 wollte er gerne auch ernstere und düstere Motive malen. In dem Alter sehne man sich ja nach den Abgründen des Lebens. Aber es sei ihm nie so recht gelungen. „Heute sehe ich es als Privileg, dass ich es ohne große Mühe schaffe, die Menschen zum Lachen zu bringen. Und ich denke, dass man sich dem Ernsthaften besser über das Lachen öffnen kann. Ohne eine gewisse Komik gibt es keine Tragik“, sagt er. Die Tragik zeigt sich in den 500 düsteren Phantasieporträts, die er bereits gemalt hat. „Wahrscheinlich sind die Köpfe ein Ausgleich zu den witzigen Monsterfiguren. Da liegt die andere, die dunkle Seite verborgen, die ich ab und zu rauslasse“, bestätigt der Künstler. 

Schließlich greift er zu Bleistift und Feder. Er zeichnet eines seiner „Monster im Alltag“. Mit sicheren, kräftigen Strichen und schwarzer Tusche dauert es nicht einmal eine halbe Minute bis das Ungetüm fertig ist. Kein einziges Mal hat er den Radierer benutzt oder sich auch nur einen Strich korrigiert. Während er zeichnet, lächelt er glücklich.

(Michaela Sepp)

 

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