Kapitalismus kriminell

Mit „Der Insider“ versucht Michael Robotham den Wechsel vom Psychothriller hin zum großen, allumfassenden Thriller. Ein Buch zwischen Kapitalismus, Irakkrieg und Islamismus in der Finanzkapitale London, das fast gelingt.

Kapitalismus kriminell

Es ist ein Australier, der die momentan besten britischen Krimis schreibt und sein Name ist Michael Robotham. Mit „Dein Wille geschehe“ gelang ihm einer der besten Psychothriller der letzten Jahre, der völlig zu Recht zu einem Bestseller avancierte. Stand in den letzten Bücher immer der Psychologieprofessor Joe O’Loughlin im Mittelpunkt der Romane, so darf nun nach „Amnesie“ erneut Vincent Ruiz, der Londoner Cop im Ruhestand, erneut im Mittelpunkt stehen. Doch so ganz stimmt das natürlich nicht, denn auch der Pulitzerpreisträger Luca Terracini spielt in „Der Insider“ eine Hauptrolle. 

Ausgenommen in London

Zunächst unabhänig voneinander schlittern die beiden Protagonisten in zwei Geschichten, die ihnen schon bald über den Kopf zu wachsen drohen. Vincent Ruiz kommt eines einsamen Abends einer jungen Frau in einer Bar zu Hilfe, die von ihrem Freund geschlagen wird. Nachdem Ruiz ihr geholfen hat und ihr eine Übernachtungsmöglichkeit gegeben hat muss er am nächsten Morgen feststellen, dass er offenbar hereingelegt wurde, da das Mädchen mitsamt einigem Schmuck aus Ruiz Haus verschwunden ist. Natürlich lässt Ruiz das Ganze nicht auf sich sitzen und macht sich auf die Suche nach der jungen Frau, um seine Besitztümer zurückzuerobern. Dabei muss er feststellen, dass noch andere Mächte Jagd auf das Mädchen machen, da sie scheinbar einige Geheimnisse angerührt hat, die besser im Dunkeln geblieben wären.

Ausgeraubt in Bagdad

Parallel dazu untersucht der Kriegsreporter Luca Terracini eine Reihe von Banküberfällen in einem Land, davon dem wir zwar dank der Medien fast täglich etwas hören, dass wir aber dennoch gekonnt verdrängen: den Irak. Dort verschwinden bei genauesten choreografierten Banküberfällen immer wieder Millionen, die eigentlich für den Aufbau des im Bürgerkrieg befindlichen Landes gedacht waren. Dieser Erzählstrang ist derart eindrücklich und gut gestaltet, dass ich mir fast noch einen etwas größeren Schwerpunkt gewünscht hätte. Dennoch schafft es Robotham eindringlich, das Leid und den den täglich Kampf ums Überleben zu schildern und nebenbei ein paar Denkanstöße zu geben.

Zu viel 

Gerade die ersten hundert Seiten sind derart handwerklich brillant und spannend geschrieben, dass man förmlich in den Seiten klebt. Ihm gelingt es, die beiden Erzählstränge bis zu deren  Zusammentreffen dank vieler Cliffhanger und tollen Szenen wirklich ausnehmend spannend zu schildern.  Leider will Robotham mit dem Fortschreiten des Buches immer mehr. Er führt ein immer unübersichtlicher werdendes Personentableau ein, bei dem man wirklich Aufmerksamkeit benötigt, um den Überblick zu behalten, und zerfasert den Plot immer mehr. Zwar ist die Idee löblich, die Themen Finanzkrise, Terrorismus, Überwachungsstaat, Irakkrieg und Geldhinterziehung auf den Tisch zu bringen, doch ob all diese Themen in „Der Insider“ hinein gemusst hätten, möchte ich bezweifeln. So löst Robotham die Kompaktheit der beiden Stränge des Londoner Cops und des Kriegsreporters auf, um ein Panorama des kriminellen Kapitalismus zu zeichnen, das am Ende zu viele Elemente beinhaltet, um restlos überzeugen zu können.

So muss man leider konstatieren, dass Michael Robotham das Topniveau des Anfangs zum Ende hin nicht ganz halten kann. Dies ist zwar schade, dennoch ist „Der Insider“ der anderen momentanen Krimidutzendware haushoch überlegen, da der Roman sowohl mit Spannung als auch mit aktuellen Geschehnissen punkten kann.

Marius Müller (academicworld.net-User)

Michael Robotham. Der Insider
14,99 €. Goldmann
 

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