Junger Schwede!

Gerade bin ich in Stockholm. Ich war noch nie in Stockholm und auch überhaupt noch nie in Skandinavien.

Katharina Ohana, Psychologische Beraterin, Bestsellerautorin und academicworld-Expertin

Seltsamer Weise hat man ja von Skandinavien (und besonders von den Schweden) eine ganz bestimmte Erwartung: Ein bestimmtes Image geht ihnen voraus. Man erwartet große blonde Frauen, kräftige Männer mit Vollbart und Strickpullover, Krabbenbrötchen essend und langhaarige Blumenmädchen. Die Cafés in der Stockholmer Innenstadt sind überraschender Weise stilvoller, als die meisten französischen Bistros (besonders die Klos sind viel sauberer), man bekommt hervorragende Burger, tolle Sandwiches und Éclairs. Dafür sind die Frauen eher klein und stämmig. Aber hier laufen Männer rum: wirklich, sowas hab ich selten gesehen! Groß, dabei gute Figuren in engen Hosen, gut geschnittene Jacketts, gestylte Frisuren, hippe Brillen. Mein lieber Schwede!

Früher (um mal absichtlich eine unbestimmte  Zeitbezeichnung zu wählen) träumten immer alle (jungen) Männer von den schönen blonden großen schlanken Schwedinnen. Ich hatte spätpubertäre Freunde, die einen Männerurlaub in Schweden machten und kollektiv in der Vorbereitung und nach der Wiederkunft über den Verlauf schwiegen (jedenfalls uns Mädchen gegenüber). Schwedinnen waren immer der Inbegriff der sexuell emanzipierten Freundlichkeit, der fröhlichen weltoffenen Feierlust. Sie sprachen schon immer hervorragend Englisch und vertrugen viel Alkohol. Dagegen schienen die männlichen Schweden etwas träge, ländliche, langsame Trottel zu sein, nach denen keine Henne gurrte. 

Ich kenne keine Frauen, die explizit von schwedischen Männern träumten oder träumen, geschweige denn Reisen mit Freundinnen nach Schweden organisieren. Großer Fehler. Von schicken Italienern oder von französischem Charme wurde und wird viel getuschelt, auch Spanier und Südamerikaner kommen ganz gut weg (nur die russischen Männer scheinen noch weiter abgeschlagen zu sein, als die Schweden). Und ich sage Euch, liebe Leserinnen und schwule Leser: Schweden sind der neue Geheimtipp! Selten hab ich so gepflegte (dabei nicht gockelhafte) und gut gekleidete (dabei lässige) Männer gesehen, wie hier in Stockholm. Weit und breit kein Bauernrüpel oder Grobian. 

Dabei sind die schwedischen Frauen genau das Gegenteil, von dem, was die Herren sich wohl von ihnen erträumt haben. Sie bekommen erst eine gute Ausstrahlung so ab Anfang vierzig. Dann verzichten sie auch auf definitiv zu kurze Röcke für ihre fast durchweg zu kräftigen Beine und auch ihr Selbstbewusstsein wird irgendwie stimmiger mit ihrer äußeren Erscheinung.

So. Und wer sich jetzt wundert über meine dieswöchige stammtischhafte Betrachtungsweise: Dies ist ein Versuch mal etwas in einem Selbstverständnis durchzuspielen, was alltäglich immer wieder in Teilen oder im Ganzen in Männergesprächen jede Frau mithören „darf“. Das Selbstverständnis  dieser äußerlichen Betrachtungsweise („ist ja nicht böse gemeint, Männer sind halt so, natürlich gibt es da noch eine ganz andere Seite und im realen Leben sind sie ja dann alle viel zahmer…“), ist für Männer umgekehrt in einer solchen körperlichen Einseitigkeit völlig ungewohnt. Und natürlich tritt hier das ein, was Männer sonst nicht in den Sinn kommt, was sie durch die allgemeine Höflichkeit, Schüchternheit und/oder Selbstzweifel der Frauen nicht kompromittiert: Mann fühlt sich abgewertet, ungenügend, evt. unter Zugzwang. Man überlegt sich, warum man selbst nicht so positive Vorschusslorbeeren bekommt, keine Reise wert ist, uninspirierend und kaum einen zweiten Blick wert. 

Solche alltäglichen, immer noch selbstverständlichen Ungleichheiten und Diskriminierungen sind allerdings nicht abzuschaffen (besonders nicht bei sexuellen Bewertungen, nero-haften Daumen-hoch-oder-runter-Totalurteilen). Alice-Schwarzer- Moralpredigten, Verbote oder gar Strafen sind völlig kontraproduktiv. Nur der Spiegel der Kränkung, der leichte Stich des Selbstzweifels und eigener im Vergleich offensichtlicher Schwächen, zeigt auf, wie hilflos jeder solchen selbstgefälligen Sehnsuchtsphantasien und Projektionen gegenüber steht. Frauen und Männer sind nämlich auch an dieser Stelle völlig gleich, nur leider immer noch nicht gleich sozialisiert. Und vielleicht machen sich hier in Stockholm die Männer ja auch so schick, weil sie zu oft erlebt haben, wie ihre emanzipierten Frauen sich völlig ungeniert nach schicken ausländischen Männern umgedreht haben. Manchmal ist das „Nachempfinden“ eben doch die bessere Waffe der Emanzipation, besser jedenfalls als jedes rationale Argument.

So empfehle ich bei der nächsten ungeniert-öffentlichen Männerkumpanei über irgendeine schöne Schauspielerin, ein sexy Top-Model oder irgendwelche super Brasilianerinnen, doch einfach mal im Nebensatz zurück zu schießen. Das funktioniert nicht nur mit hübschen Schweden, sondern auch mit Bemerkungen über attraktive Fußballspieler – was sich ja gerade anbietet:  ich finde ja Hummels ist echt der Hammer! (bitte nie „süß“ oder „nett“ oder gar „niedlich“. Diese Wörter sind völlig ungeeignet für die Lehrstunde in detaillierter Gleichberechtigung. Männer wissen nicht, dass süß = sexy = echt appetitlich ist. Man muss das schon so sagen, dass es an empfindlicher Stelle schmerzt…)

Ach ja: Die Krabbenbrötchen sind hier wirklich auch super gut. Aber wie gesagt: Nichts, im Vergleich zu den Männern!!!!!!

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