Ist der Attentäter von Oslo ein Monster?

Auf jeden Fall ist er ein Mensch. Und er funktioniert im Rahmen des menschlichen emotionalen Spektrums, also mit den Emotionen, die jeder von uns kennt: Wut, Enttäuschung, Sehnsucht nach Anerkennung – nur all diese Emotionen befinden sich in seiner Persönlichkeit in einer übersteigerten Form, die aus einer tiefen Verunsicherung des eigenen Wertes herrührt.

Katharina Ohana, academicworld-Expertin, Foto: Privat

Seine Krankheit nennt sich „schwere narzisstische Persönlichkeitsstörung“. Sie resultiert immer aus jahrelangen Erkrankungen und Enttäuschungen in der Kindheit, zum Beispiel durch Verlassen werden durch einen Elternteil, Überforderung des zurückbleibenden Elternteils, das seine eigene Kränkung an das Kind weiter gibt. Sein Vater, der ihn und die Mutter früh verlassen hatte, konnte sich nicht schnell genug von ihm distanzieren und wahrscheinlich von seiner eigenen Schuld geplagt, nicht genug um den Jungen gekümmert und ihm ein positives Wertgefühl vermittelt zu haben. So was findet hundertausendfach statt in unserer westlichen Kultur.

Wieso rastet dann aber ein einziger dermaßen aus während die anderen einfach nur Lügengeschichten erzählen, ihre Lebenswelt mit ein paar Angebereien aufplustern oder durch Bindungsunfähigkeit und Promiskuität auffallen? Das wird sich wohl niemals klären lassen ? Doch die Wurzel des Übels ist dieselbe.

Es gibt für den Menschen nichts Wichtigeres als die Anerkennung in seiner Gruppe, seiner Gesellschaft. Er braucht sie zum Überleben. Doch die Strukturen, die Ausrichtung und Zukunft unserer Gesellschaft ist von immer radikaleren und rascheren Umbrüchen erfasst. Die Globalisierung der kapitalistischen Kultur bedroht immer mehr das Anerkennungs- und das Sicherheitsgefühl der Einzelnen.

Schwache Psychen reagieren darauf mit der Sehnsucht nach einem eindeutigen Gut und Schlecht, Richtig und Falsch. Sie sehnen sich nach Überschaubarkeit, nach der Deutlichkeit, wer auf ihrer Seite steht und wer der Feind ist. Multikulti, Globalisierung, Toleranz, Gleichberechtigung bedroht sie: Es gibt viele, die die Sehnsucht haben nach einem eindeutigen „Wir“ und einem eindeutigen „die da nicht“, nach einem Wertekanon, der andere ausschließt.

Bei muslimischen Fundamentalisten ist das genauso, wie bei radikalen christlichen Konservativen. Bei einem einzelnen mit narzisstischer Persönlichkeitsstörung, der sozialistische Jugendliche massenweise erschießt und sich dabei als wahren Christen und Weltretter versteht genauso, wie bei konservativen amerikanischen Politikern, die lieber die Weltwirtschaft und das Weltklima in den Abgrund stürzen und Hungerkatastrophen in Afrika mit verursachen, nur um ihren „American Way of life“ weiter durchsetzen zu können und sich dabei noch auf Gott berufen.

Der Versuch radikaler Linker Gleichheit mit Gewalt durchzusetzen hat nicht geklappt, der Versuch der radikalen Konservativen die eigenen Vorteile mit Gewalt zu halten wird auch nicht klappen, genauso wenig wie der alle Ungläubigen in irgendwelche Höllen zu schicken. Es gibt kein Schwarz und Weiß, es gibt immer nur Grau. In jedem von uns. Damit sollten wir uns dringend anfreunden, wenn wir nicht zu Amokläufern gegen die Wahrhaftigkeit werden wollen. Denn sie beginnt immer bei unserem Selbstwertgefühl, seinen Kränkungen und Sehnsüchten


Katharina Ohana

Katharina Ohana moderiert als Psychologin und Philosophin für verschiedene Fernsehsendungen. Ihr neues Buch „Gestatten: Ich – Die Entdeckung des Selbstbewusstseins“ ist beim Gütersloher Verlagshaus erschienen und erklärt die Entstehung unserer Persönlichkeit und unserer Probleme – und wie wir sie loswerden können.


Stand: August 2011

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