Interkulturelle Kompetenzen anno dazumal

Das Christentum ist in Europa auf dem Vormarsch und mit ihm die Sachsen, die ihre benachbarten Völker überfallen. Auf einem ihrer Kriegszüge nehmen sie Tugomir gefangen, seines Zeichens Sohn eines slawischen Fürsten. Als Geisel genommen ändert sich seine Rolle bei den Sachsen schnell zu einer fast schon freundschaftlichen – können aus erbitterten Feinden doch Freunde werden?

Es ist einige Jahrzehnte her, seit Karl der Große die Sachsen zum Christentum hat bekehren lassen. Im Jahr 929 überfallen die missionierenden Sachsen nun die slawischen Stämme, verwunden deren regierenden Fürst  und nehmen dessen Sohn Tugomir und die Tochter Dragomira gefangen. Dragomira ergibt sich als Mätresse des sächsischen Prinzen Otto recht pragmatisch ihrem Schicksal, wird alsbald schwanger und in ein christliches Kloster gesteckt. 

Rebellion? Kopf ab!

Tugomir hingegen verbleibt als Geisel am sächsischen Königshof – sobald sein Vater rebelliert, wird er in Stücken nach Hause geschickt. Dieses grausame Versprechen gibt ihm der König der Sachsen, Heinrich. Jedoch: Es begibt sich, dass Tugomir eines Tages Otto, dem Sohne Heinrichs, das Leben rettet und ab sofort wegen seinen umfangreichen Heilkünsten als dessen Leibarzt dienen muss. Nicht das schlechteste Leben für eine Geisel, wäre da nicht Tugomirs Vater, der alsbald wieder rebelliert. Abgesehen von Tugomirs loderndem Hass auf die Sachsen, denen er den grausamen Völkermord an all den slawischen Stämmen nicht verzeihen kann und will – und erst Recht nicht, wie sie seine Schwester Dragomira behandelt haben. Doch je länger Otto und Tugomir Seite an Seite leben, desto mehr schwindet der gegenseitige Hass dahin, egal wie sehr Tugomir an ihm festhalten möchte. Können die Völker es den beiden Königssöhnen gleich tun und in Frieden miteinander leben? Ein waghalsiger Plan wird gefasst.

Die Kritik

Die Erzählung erspannt sich, auch wenn es mehrere Blickwinkel gibt, hauptsächlich um Tugomir und Otto, den beiden Söhnen verschiedener Stämme und Herrscherfamilien. Wenngleich sie geographische Nachbarn sind, sind sich die beiden Völker spinnefeind und in jahrzehntelange Kriege und blutige Fehden verstrickt. Das ganze auf deutschem Boden – eine Erinnerung daran, dass Deutschland mit seinen heutigen Grenzen noch nicht lange so in den Landkarten erfasst wurde und erst recht nicht immer ein einig Vaterland war.

Entspannt, aber spannend!

Eine umfassende historische Geschichte auf deutschem Grund, die sich ganz zwanglos gibt und sich nicht unbedingt als langwieriger Epos wirken soll. Genauso liest sich „Das Haupt der Welt“ auch – vollkommen relaxt und trotzdem sehr spannend! Rebecca Gablé scheint nicht unbedingt Wert darauf zu legen, dass ihr neuestes Werk unbedingt durch die Sprache als historischer Roman gelten muss und das merkt man der Erzählung auch an. Die eingearbeiteten Fakten sind sauber recherchiert und sprechen für sich. Ohne all die üblichen Übertreibungen historischer Romane ist es diese kunstvolle Einfachheit und die Charaktere, die den Leser in ihren fast schon hypnotischen Bann ziehen. Dragomira beispielsweise mimt keine dramatische Heroine in Feindeshand, sondern weiß genau, was sie erwartet und macht einfach das beste daraus.

Insgesamt ein sehr gutes Buch. 

… und die Moral von der Geschicht‘? Interkulturelle Kompetenzen waren einfach schon immer wichtig, heute im Büro ebenso wie damals, als man Feinden einfach mal die Axt drüber gezogen hat.

Bettina Riedel (academicworld.net)

Rebecca Gablé. Das Haupt der Welt.
26,00 Euro. Bastei Lübbe.

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