Interessante Leute

Gelegentlich treibe ich mich ja in der Welt herum und treffe auf seltsame Leute. Die seltsamste Leute-Gruppe ist für mich immer wieder: Die Reichen.

Von Katharina Ohana, Psychologische Beraterin, Bestsellerautorin und academicworld-Expertin

 

 

Katharina Ohana, Psychologische Beraterin

Es gibt Orte, wo sie sich sammeln, wo einstmals Macht, Stil, Tradition und Geld den Anfang machten und dann jeder Neu-Reiche hinter her zog, um auch endlich dazu zu gehören. Die Neu-Reichen wollen an die Plätze der Traditions-Reichen, weil sie vormals von weitem gesehen haben (also im Fern-sehen), als sie noch nicht so reich waren, was ihnen als „tolles“ Leben verkauft wurde. Und aus diesem Traum vom „grünen Rasen“ haben sie ihre ungeheure Motivation genommen, um selbst dorthin zu gelangen, bei den „tollen“ Leuten zu stehen, mit dem Champagner in der Hand auf einer weissbesäulten Terrasse z.B. an der Cote d´Azur und endlich das Gefühl zu haben: Ich hab´s geschafft! Und dann legen diese Menschen, deren Verständnis von Reichtum einzig und allein aus Protz besteht, ihre fetten häßlichen Jachten in die kleinen Buchten und Altstadthäfen eines der schönsten Flecken der Erde und/oder verschandeln mit riesen Kitschvillen die letzten freien Flächen auf den Felsen am Meer und warten darauf, dass sich der Sinn im Leben einstellt, den uns der Neo-Kapitalismus in seiner globalen Übermacht als unbegrenzten Konsum vorgibt.

So geht dann der Stress erst richtig los: Wo bekommt man „interessante“ Leute her, wenn man selbst nur Geld und Status im Kopf hat (also vollkommen uninteressant ist), aber das vom Personal geschrubbte Achterdeck oder die Terrasse mit illustrem Geplauder füllen will, sogenannte „tolle Partys“ schmeißen möchte, um dann auch auf selbige möglichst zurück eingeladen zu werden?! So ist die panische Frage im Café de Paris (neben dem Casino in Monte Carlo) kurz vor dem Wochenende: Was ist wo los, wo man auch dabei sein muss, um dazu zu gehören und wer kann einen da mithin nehmen, um endlich aus dem Einerlei des langweiligen Reichseins in‘s tolle Reichsein zu gelangen? Denn außer ein paar russischen Milliardären, die vorwiegend mit anderen russischen Milliardären und ein paar sehr blonden käuflichen Frauen feiern, ist jeder kleine Millionär, von der Langeweile des ständigen Austerngeschlürfes geplagt, auf Unterhaltungs-Input und Austausch über die Wahrhaftigkeit des Lebens angewiesen, die sich irgendwie doch nicht nur durchs Geld einstellen will (dumm gelaufen). Es dürfen natürlich keine sogenannten „Gold-Digger“ (Gold-Gräber) dabei sein: Menschen, die selbst in den Olymp der Reichen und Wichtigen aufsteigen wollen. Denn wo man es selbst geschafft hat, sollen bitte alle anderen draußen bleiben. 

Besonders verhasst sind hier junge Frauen, die (nur) ziemlich hübsch sind (immer zu unterscheiden von wirklich hübsch d.h. modelhübsch), also aufgepimt, was das dünne Haar, verstärkt mit Extensions, her gibt und die mäßig langen Beine mit Highheels und dicken Klumpen unter den Ballen durch 20 falsche Zentimeter auf lang gemogelt. Denn Frauen werden in diese Welt entweder hinein geboren und fristen dort ein verwahrlostes Dasein aller Paris Hiltons. Oder sie suchen, ohne goldenen Löffel in der Wiege, einen Finanzier ihrer Handtaschensucht. Und die Herren, die sich selbst Jahre lang für ihren Reichtum (bei Geschäftspartnern und Geldgebern) prostituiert haben, erkennen natürlich jede Käuflichkeit aus der eigenen Erfahrung und wollen selbst nicht so dumm sein, darauf rein zu fallen. Es sei denn, es kommt ein wirkliches Statusweib des Weges, wo es sich lohnt zu investieren, weil einem der Neid und die Anerkennung der anderen Millionäre sicher ist, ein Milliardär sogar einen Blick der Anerkennung auf‘s eigene kurzberockte Aushängeschild riskieren würde (was für jeden kleinen Millionär das Größte ist). Doch genau dafür taugt natürlich so eine falsch blondierte Sekretärin eines der vielen Privat-Banking-Büros im Steuerparadies nicht wirklich: die macht vielleicht in München in der Hip-Hop Disco was her, aber wir sind ja an der Cote…

Und dann fehlen ja immer noch die „interessanten“ Leute, die jeder so gerne treffen möchte. Und da diese nicht so leicht kennen zu lernen sind, wie in der Anzeige auf der Facebook-Seite oder der Partnervermittlung im Internet versprochen („Lernen Sie interessante Leute kennen…“, verziert mit in‘s Gespräch vertieften, lächelnden weiblichen und männlichen Schönheiten), ist das die wahre Herausforderung eines Millionärslebens: Wie verbringe ich meine Lebenszeit, wenn ich nicht gerade mein Vermögen verwalte, aber eigentlich auch nix anderes im Kopf habe?! – womit die Millionäre wiederum in ihrem Alltag auch nur Menschen sind, die Klos mit banaler Wasserspülung benutzen (wie man immer wieder gerne feststellt). Auch sie müssen ihre Tage irgendwie gestalten. Und mit einer Handtasche schwänkenden Shoppingqueen wird’s auf Dauer langweilig (ja es ist wahr: Schönheit kann nerven, wenn sie nur diese eine Facette hat) und nach der zweiten Runde mit der Yacht ums Cap Ferrat wird der Sommer lang….

Sicher: Man kann noch mal den grün-lackierten Ferrari aus dem Schiffsrumpf heben lassen und vor dem Casino parken und sich berauschen an all  den Touristen in kurzen Hosen und leopardenen Trägershirts, die glotzen und fotografieren und noch glauben, man lebe als Millionär mit grünem Ferrari da, wo der Rasen wirklich grün ist. Aber was dann? Was, wenn der 2. Cappuccino getrunken ist auf der Terrasse des Café de Paris und die PS dann wieder in der klimatisierten Garage geparkt sind? Was, wenn man das Geschwätz der anderen Millionäre über ihr Hab und Gut nicht mehr erträgt? Was, wenn man wegen all der „Gold-Digger“ um einen herum den Glauben an die Menschen soweit verloren hat, dass nur noch die Einsamkeit bleibt? Das Schlimme am neokapitalistischen Lebenskonzept ist, dass man jede Form von Interesse und Leidenschaft für nicht konsumierbare Güter für naiv hält, ähnlich dem Glauben kleiner (innerer) Kinder an den Weihnachtsmann. Es gibt nur eine Sache, die noch schlimmer ist, als die Hoffnung „interessante“ Leute über den eigenen Status kennen zu lernen. Das ist: diese Hoffnung aufzugeben.  

So schaue ich als Zaungast immer wieder gerne beim Untergang des Neo-Liberalismus zu. Ich kann das Gefühl der Genugtuung gegenüber scheiternden Wichtigtuern und alternden Konsumjunkies nicht ablegen, die mit ihrer übermäßigen Gier die Welt zerstören (wir reden hier nicht von Genuss) und auch nicht die Schadenfreude gegenüber denen, die an die Gesetze des rücksichtslosen Kapitalismus glaubten und immer wieder allein schon durch ihr eigenes Älterwerd en von selbigen überrannt werden. Alle, die Frauen und Männer, die ihren Vorteil auf dieser Erdebis zur Besinnungslosigkeit mit ihren Kreditkarten zum Glühen bringen (wofür sie wohl nichts können, weil sie wahrscheinlich so geboren und geprägt wurden): mir fehlt das Mitgefühl, wenn ich ihnen achtsam beim anschwellenden Leiden zuschaue, wenn ich mich freue, dass sie so nicht bis zum Ende durchkommen auf dieser Welt mit ihrer Rücksichtslosigkeit, dass das Alter den Mantel der Gerechtigkeit über sie alle ausbreitet, dass auch sie zu Greisen werden, ihnen kein Silikon und Viagra mehr hilft, dass keiner der gekauften Dinge und Menschen mehr Interesse für sie zeigt, wenn ihr eigener Verfall zu deutlich wird. Denn interessante Menschen, das sind Menschen, die sich interessieren – für andere Menschen und Dinge, die man nicht kaufen muss oder kann.

Fortsetzung folgt

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