Ärztin in einer fremden Welt

Ärzte ohne Grenzen

Kanya Gewalt war mit Ärzte ohne Grenzen neun Monate lang im Tschad unterwegs.

Besonders schön ist es, wenn unsere Arbeit durch Erfolge belohnt wird.  So ist die Geburtenrate zu meiner Freude um ein Vielfaches gestiegen und gemeinsam im Team von Pflegekräften konnten wir mit der ersehnten internationalen Materiallieferung einige Umstrukturierungen vornehmen. Damit waren dann zum Beispiel auch Bluttransfusionen möglich. Ein siebenjähriges Mädchen kam völlig geschwächt und fast bewusstlos mit erheblicher Blutarmut infolge einer Malariaerkrankung zu uns. Ohne Transfusion hätte sie den nächsten Tag vielleicht nicht überlebt. Heute kann sie wieder lächeln.

Die Kinderstation bekam einen bunten Anstrich. Dann war da noch das Frühgeborene, das völlig geschwächt mit seinen Eltern aus 15 Kilometern Entfernung zu uns gekommen war. Auf wundersame Weise hat dieses 1.600 Gramm wiegende Kind, das in Deutschland in einem Perinatalzentrum im Inkubator liegen würde, überlebt. Nachdem es über eine Magensonde aufgepäppelt wurde, nahm es zu.

An dem Abend als ich eigentlich nach Deutschland zurückfliegen sollte, lernte ich, was „Flexibilität“ bei Ärzte ohne Grenzen bedeutet. Ich genoss am Esstisch meine Mahlzeit als eine Diskussion zwischen dem Logistik- und Medizinerteam entbrannte, wie denn nun die anstehende Impfkampagne bei der akuten Meningitisepidemie geplant werden sollte. Es fehlte an Personal und Zeit. Plötzlich fielen die Blicke auf mich und der Logistikkoordinator sprach es aus: „Aber du kannst doch bleiben!“ Mir blieb fast das Essen im Hals stecken. Aber die Ausrede, ich hätte etwas besseres zu tun, wäre lächerlich gewesen.

Ärzte ohne Grenzen

© alle Bilder: Kanya Gewalt / Ärzte ohne Grenzen

Also blieb ich. Mit neu zusammengestellten Teams zogen wir durch Zentraltschad, um fast 40.000 Menschen innerhalb von zwei Wochen zu impfen. Das war zusammenfassend ausgedrückt eine absolut andere Erfahrung, die ganz schön an die Substanz gegangen ist. Als ich im Anschluss daran wieder mit der Aussicht auf Rückkehr nach Hause im etwas zivilisierteren Ndjamena ankomme, begegnen mir sogar hier in der Landeshauptstadt alle Zeichen der Unterentwicklung: UN-Fahrzeuge und unzählige Landcruiser mit Logos verschiedenster Hilfsorganisationen, die dort ihr Hauptbüro haben. Betrachtet man das kaum entwickelte Land ohne nennenswerte Industrie in seiner ganzen Dimension, so ist das Projekt in Kerfi oder die Impfkampagne „nur” ein winziger Tropfen auf den heißen Wüstensand.

Solange es Personal und die Zulieferung von Medikamenten und Materialien gibt, profitieren die Menschen von der lebenswichtigen Gesundheitsversorgung. Wenn das Projekt eines Tages schließt, bleibt zu hoffen, dass das hiesige Gesundheitsministerium Mittel und Personal aufrechterhalten kann. Doch wahrscheinlich wird die Bevölkerung noch lange auf internationale Hilfe angewiesen sein.

Neben dem medizinischen Alltag voller unterschiedlicher Schicksale, hinterlässt diese andere Seite der Limitationen und Realitäten einen bitteren Nachgeschmack.

Für mich waren die zehn Monate eine lange Zeit, die ich zuweilen am liebsten vorgespult hätte. Gerne wäre ich zwischendurch in einen Supermarkt gegangen und hätte Schokolade gekauft. Aber wenn ich an die Kinder auf der Straße denke, die mir lachend zuwinken oder mich an die motivierten Gesichter der nationalen Mitarbeiter bei der Visite erinnere, würde ich auch die leckerste Schokolade dafür eintauschen, um einen kleinen oder großen Unterschied im Leben vieler Menschen mit all ihren Einzelschicksalen gemacht zu haben.


Stand: Sommer 2012

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