In einer besseren Welt

Wie stark sind der Glaube an die Gerechtigkeit und der Wunsch, die Haltung zu bewahren? Ein Film der dänischen Erfolgsregisseurin Susanne Bier.

© Universum Film GmbH

Moral-Lektionen

Wie vorteilhaft wäre es, könnte der „Homo sapiens“ seiner anspruchsvollen Bezeichnung gerecht werden. Stattdessen schlägt er sich mit seinem archaischen Erbe herum, arbeitet sich an Gewalt, Aggression, Rache ab und muss die zivilisatorische Balance zu Reue, Moral und Gerechtigkeit finden. Kein leichtes, aber ein dankbares Thema für den Post-Dogma-Film, frei nach dem Motto: „No fun please, we“re Danish.“

Hauptfilmplakat "In einer besseren Welt"

Hauptfilmplakat „In einer besseren Welt“; © Universum Film GmbH

Ramponierte Familien
Zwei Jungen, zwei Schicksale: Der 12-jährige Christian (William Jøhnk Nielsen) hat gerade seine Mutter durch Krebs verloren und zieht nach deren Beerdigung mit seinem Vater (Ulrich Thomsen) von London auf das Gut der Großmutter in Dänemark. In der neuen Schule lernt er Elias (Markus Rygaard) kennen, einen scheuen, vom Klassenrowdy Sofus tyrannisierten Außenseiter, mit dem er schon bald freundschaftliche Bande knüpft. Vom Charakter her völlig unterschiedlich, liegt deren Gemeinsamkeit im psycho-sozialen Hintergrund. Beide Kinder leben in beschädigten Familien, auf der einen Seite die durch den Tod der Mutter aufgerissene Gemeinschaft, auf der anderen Seite eine kriselnde Ehe. Elias Vater Anton (Mikael Persbrandt), als Arzt in einem afrikanischen Flüchtingscamp oft wochenlang von zu Hause fort, hat die Beziehung zu Gattin Marianne (Trine Dyrholm) durch eine Affäre zusätzlich belastet.
Sowohl Elias als auch Christian reagieren auf ihre privaten Miseren mit Verschlossenheit, doch während Elias sich ins innere Exil zurückzieht, drängen Christians Frustrationen nach außen. Als Sofus wieder einmal Elias nötigt, wird er von Christian zusammengeschlagen und mit dem Messer bedroht. Den anschließenden Schuleklat nehmen die zwei Jungen, beide hartnäckig die Existenz eines Messers leugnend, als Feuerprobe ihrer Freundschaft. Dabei ist dies erst der Beginn weiterer Eskalationen, die von den durchaus liebevollen, aber mit eigenen Problemen okkupierten Eltern nicht verhindert werden (können).

Szenenbild

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Ethische Zwangslage
Immer wieder hat die dänische Regisseurin Susanne Bier emotionale wie ethische Grenzsituationen thematisiert, etwa in „Open Hearts“ oder dem eindrucksvollen „Nach der Hochzeit“, dabei stets die Familie zum erzählerischen Ausgangspunkt gemacht. Auch ihr aktueller Film fokussiert die familiäre Kleingruppe, öffnet allerdings den Blick zur internationalen Weltgemeinschaft, letztlich zur conditio humana hin. Verhandelt werden soll die ebenso komplexe wie unbestimmte Frage nach Gut und Böse, die freilich stets nur diffuse, von den jeweiligen Bedingungen abhängige Antworten generiert. Im Bewusstsein solcher Ambivalenz will Drehbuchautor Anders Thomas Jensen wenigstens ein deutlich ausdefiniertes narratives Fundament schaffen: Wie auf einem Schachbrett sind die schwarzen und weißen Figuren arrangiert, vorerst streng getrennt nach Geographie, Mentalität sowie charakterlicher Disposition.
Als Agent zwischen den Welten fungiert Mediziner Anton. In Afrika ist er der Gute, die Flüchtlinge sind die Hilflosen und gesichtlose Warlords die Bösen. Was sich nach einem klischeebeladenen Afrikabild anhört, entspricht tatsächlich der medialen Wahrnehmung in Europa, wo Afrika als pittoreske Touristenregion oder ewiges Krisengebiet präsentiert wird. Nachdem allerdings in das wie ein befriedetes Asyl unter europäischer Protektion wirkende Flüchtlingslager ein schwer verletzter Warlord mit seinen Mannen eingedrungen ist und medizinische Hilfe für sich fordert, ist auch Antons moralisches Idyll gefährdet. Zuhause gibt er gern den Pazifisten, hatte sich etwa im Laufe eines Streits mit einem Fremden namens Lars (Kim Bodnia), der ihn attackierte und ohrfeigte, einfach nur abgewendet; doch hier gerät er nun in eine ethische Zwickmühle, bei der er zwangsläufig Position beziehen muss. Und dies kann keiner ohne Schuld überstehen.

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Vorzügliche (Kinder-)Darsteller
Weitaus interessanter als jene Ereignisse in Afrika gestaltet sich das Geschehen in der dänischen Provinz. Christian und Elias, die Antons einseitige Prügelei mit Lars erlebt haben, können dessen Passivität nicht akzeptieren. Anton wiederum übersieht, dass beider Wunsch nach einer alttestamentarischen „Auge um Auge“-Rache keineswegs durch ein neutestamentliches „die andere Wange hinhalten“ ausgelöscht wird. Vielmehr wollen die Jungen jetzt selbst Vergeltung üben, indem sie planen, den Wagen des unmanierlichen Lars mit einer selbstgebastelten Bombe in die Luft zu jagen.
Was die Problemdichte betrifft, trägt „In einer besseren Welt“ als ein sich zur Moralparabel entwickelndes Familiendrama ausgesprochen dick auf und nimmt spektakuläre Wendungen. Gleichwohl bleibt der Film dank einer verständnisvollen, wirklichkeitsnahen, zwar nüchternen, aber nur mehr entfernt an das puristische „Dogma 95“ gemahnenden Inszenierung zu großen Teilen geerdet. Nie lässt sich an der Authentizität der Konflikte zweifeln, an der Aufrichtigkeit der Emotionen oder Echtheit der Charaktere. Dies ist der ausdrückliche Verdienst der in jeder Hinsicht glaubwürdigen Schauspieler, explizit der eindringlichen Kinderdarsteller. Markus Rygaard als Elias ist ganz verunsicherte Introvertiertheit, der wunderbare William Jøhnk Nielsen dessen Gegenstück wie Ergänzung. In seinem feingeschnittenen Gesicht liegt alles: der anarchische Trotz eines Kindes und die radikale Entschlossenheit eines Erwachsenen, beides ebenso schutzlos offen wie bedingungslos.
Im Gegensatz zu Anton, der zwischen wichtigen und nichtigen Konflikten abzuwägen versucht, können die verstörten Kinder Elias und Christian ihre Wut bzw. Verletzungen nicht kompensieren. Christian hadert mit seinem Vater, dem er vorwirft, zuletzt den Tod der sterbenskranken Ehefrau gewünscht zu haben. Liebe bedeutet für ihn Kampf um den vertrauten Menschen bis zum Schluss, vielleicht darüber hinaus. Elias wiederum erfährt die eigene Hilflosigkeit angesicht von Repressalien in der Schule gedoppelt durch die langsam zerbröckelnde Ehe der Eltern.

Szenenbild

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Ungelöste Kontroversen
„In einer besseren Welt“ verfügt über ernstzunehmende diskursive Qualitäten, alles im Kontext der Unwägbarkeit und Zerbrechlichkeit von menschlichen Beziehungen. Der Film versucht sich an einer dialektischen Debatte über Menschlichkeit und Integrität, betont einerseits die Unbedingtheit moralischer Werte, hinterfragt andererseits deren Definition bzw. testet sie empirisch aus. Im Kleinen erreicht er auf diese Weise auch Nachvollziehbarkeit und Überzeugungskraft, krankt allerdings im Gesamten betrachtet etwas an der bereits erwähnten, künstlich wirkenden Ausgangssituation. Wie in einem schicksalhaften Laborversuch geraten Idealisten wie Anton an ihre ethischen Grenzen, werden Verzweifelte wie Christian und Elias mit Macht und Ohnmacht konfrontiert, prallen Ideen von Frieden und Gewalt, Mitgefühl und Rache ungeschützt aufeinander.
Visuell wird dieses artifizielle Grundkonstrukt in den beliebigen Bildern des Abspanns aufgelöst, wenn Überblendungen von meditativen Landschaftsaufnahmen aus Dänemark und Afrika suggerieren, es bräuchte nur etwas naturalistischen „good will“ zur Versöhnung. Narrativ hingegen will der kluge Film keine derart naive Position beziehen, verweigert sich einfachen Lösungen und akzeptiert Kontroversen, etwa die zwischen erwachsener und kindlicher Bewältigung von Schmerz. Auch Erwachsene können von den Extremen des Lebens überfordert sein, besitzen jedoch teilweise die Fähigkeit, Desillusionierung, Bitternis, Enttäuschungen auszuhalten, während hingegen Kinder Konsequenzen verlangen. Darin liegt beider Beschränktheit und gleichzeitig persönliche Wirklichkeit.

(Nathalie Mispagel)


Regie: Susanne Bier

Darsteller: Mikael Persbrandt, Trine Dyrholm, Ulrich Thomsen, u.a.

Kinostart: 17. März 2011


Stand Februar 2011

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