In der Krise

Ja, auch 2011 war wieder ein Krisenjahr, überall, von Griechenland bis hin zum Bundespräsidenten, kriselte es mächtig. Da verwundert es kaum, dass Sarah Kuttner nun mit „Wachstumsschmerz“ ebenfalls einen zwischenmenschlichen Krisenroman auf den Markt wirft.

Buchcover zu „Wachstumsschmerz“

Das Scheitern von Lebensentwürfen

In „Wachstumsschmerz“ seziert die Ex-MTV-Frau das Zusammenleben der beiden Thirty-Somethings Luise und Flo, die eigentlich beide alles haben. Flo jobt in einer Kletterhalle und Luise ist als Herrenschneiderin tätig und modelt nebenbei noch ein wenig in der Werbebranche. Dreieinhalb Jahre Beziehung rechtfertigen es zusammenzuziehen, befindet Luise und macht sich zusammen mit ihrem Freund auf Wohnungssuche. Nachdem sie die Hälfte aller leerstehenden Berliner Wohnungen abgeklappert haben, stoßen sie tatsächlich auf das passende Objekt und beginnen mit den Vorbereitungen für ein gemeinsames Lebens. Doch bereits kurz nach dem Einzug beginnen sich erste Zweifel in Luises Brust zu regen: Ist das wirklich alles wahr, sind sie jetzt offiziell erwachsen oder stecken Luise und Flo nur in übergroßen Schuhen, für die sie eigentlich noch zu jung sind?

Doomed to fail

Sarah Kuttner lässt uns am Zusammenleben der beiden Protagonisten teilhaben und schildert das Geschehen aus der Sicht von Luise, die dem Leser mal einfach nur sympathisch und schlagfertig vorkommt und so manchesmal auch nur als egoistische, selbstunsichere junge Frau erscheint. Fühlt sich zunächst noch alles gut an hat man schon bald mit Fortschreiten des 280 Seiten starken Romans das Gefühl, dass Kuttner hier messerscharf und bitter in der Konsequenz Lebensentwürfe aufeinanderprallen lässt, die sich auf dem Papier zwar hip und schlüssig lesen, in der Realität aber scheitern müssen.

Gelungene Melange

Der Roman baut sich aus kurzen, mit „Memo“ übertitelten Rückblicken, Reflexionen Luises nach der Trennung von Flo, und langen Passagen, die schildern wie es mit der Beziehung von Flo und Luise so weit kommen konnte, auf. Geschickt montiert die Autorin die Sequenzen aneinander und lässt trotz der geringen Seitenzahl ein komplexes Bild einer Pärchenbeziehung entstehen, welche obschon beste Voraussetzungen herrschen, scheitern muss.

Der Ton des Zerfallsromans schwankt hierbei zwischen  dem heiteren Unterton einer „How I met your Mother“-Episode und dem existenziellen Drama einer Juli Zeh und bewahrt sich dabei eine eigene junge Stimme. Zwar ist der Roman eigentlich Lesern jeglichen Alters zugänglich, aber wie die sprichwörtliche Faust auf’s Auge passt der Roman für alle jungen Menschen, die zwar ein eigenständiges Leben führen aber sich dennoch nach etwas sehnen, das nicht so genau definierbar ist; oder wie es Luise in „Wachstumsschmerz“ ausdrückt: Der fancy Begriff einer „Quarterlife-Crisis“, den sie augenblicklich durchlebt.

Fazit
: Ein gelungenes Gegenwartsdrama einer Facebook-Generation, die alles hat aber sich dennoch nach Perfektion sehnt, die oft nur utopisch ist. Ein schlauer, trauriger aber auch irgendwie „okayer“ Roman, den Sarah Kuttner abgeliefert hat, und der sich keinesfalls an den plumpen Schreibversuche von Kuttners Ex-Kollegin Charlotte Roche messen lassen muss!

Marius Müller (academicworld-User)

Sarah Kuttner. Wachstumsschmerz

19,95 Euro. Fischer Verlage


Stand: Winter 2012
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