„Im Zimmer meines Lebens“: Das Arbeitszimmer als Lebensraum

Dasein und Arbeit – Bei keinem anderen Künstler verknüpft sich beides derart eng wie bei Schriftstellern. Existieren und schreiben ist für sie oft dasselbe, sei es, daß das Leben sie zu Texten inspiriert oder daß Worte sie überhaupt am Leben halten. Das ’Wie’ solcher vitalisierenden Wechselbeziehungen fasziniert, doch das ’Wo’ nicht minder, vor allem, wenn es um Autorinnen geht. Ihre Schreiborte erweisen sich häufig als kreative Lebensräume der besonderen Art.

Simone Frieling. Im Zimmer meines Lebens

Frau und Autorin

Im 20. Jahrhundert Frau und zugleich Schriftstellerin zu sein bedeutet sowohl Schicksal mit historischer Dimension als auch Aufgabe im gesellschaftlichen Wandel. Geboren gegen Ende oder nach der ersten Welle des Feminismus eröffnen sich diesen Damen im Gegensatz zu früheren Generationen spannend-vielfältige Optionen individueller Lebensgestaltung, die allerdings häufig mit tradierten Werten und Normen kollidieren, zudem von zwei Weltkriegen schwer erschüttert werden. Soziale Freiheit mag relativ sein, geistige offenbar nicht, denn ungeachtet ihrer Daseinsbedingungen haben alle in „Im Zimmer meines Lebens“ vorgestellten Künstlerinnen an einem festgehalten: am Schreiben, und zwar immer, doch selten überall.

Jener spezielle Ort, an dem Literatur entsteht, hat Simone Frieling, selbst Autorin und Malerin, zum gedanklichen wie tatsächlichen Ausgangspunkt ihrer Essays über zehn bedeutende Dichterinnen des vergangenen Centenniums genommen. Daß diese bzw. ihr Ouvre heute längst berühmt sind, bietet den Vorteil, sie nicht mehr umfänglich durchleuchten zu müssen, stattdessen erhellende Schlaglichter auf Einzelaspekte werfen zu können, hier eben ihre Arbeitsräume. Gleichermaßen als Inspiration und Prämisse mag Virginia Woolfs wohlbekannter Oxforder Vortrag „Ein eigenes Zimmer“ gelten, wußte die Literatin doch schon 1928: „Eine Frau muß Geld und ein eigenes Zimmer haben, um schreiben zu können.“

Weite und Enge

 

Für die ab 1903 in Paris lebende US-Amerikanerin Gertrude Stein (1874-1946) trifft dies jedenfalls zu. In der Rue de Fleurus führte sie einen legendären Künstlersalon, in ihrem Atelier hing eine nicht minder legendäre moderne Gemäldesammlung. Unter Picassos, Renoirs und Gaugins ließ es sich des Nachts prächtig schreiben, doch nicht unbedingt erfolgreich, weshalb letztendlich ihr Arbeitszimmer prominenter geworden ist als die meisten ihrer Texte. Anders hingegen Katherine Mansfield (1888-1923), deren Erwachsenendasein von unzähligen Umzügen geprägt war, weshalb ihr nicht nur ein stiller Arbeitsraum, sondern generell ein Zufluchtsort verweigert blieb. Unbehaustsein war ihr Los.

Überhaupt die Stille und Ruhe. Alle Schriftstellerinnen haben nach diesem existenziellen Zustand vortrefflicher Abgeschiedenheit gesucht, denn Schreiben ist eine leise Profession. Familie kann da hineinpassen wie bei Natalia Ginzburg (1916-1991), muß aber nicht. Elisabeth Langgässer (1899-1950) etwa hat in ihrem Berliner Haus am Rande des Grunewalds ein eigenes „Damenzimmer“, abends tippt ihr Mann die Manuskripte ab. Gleichwohl fühlt sie sich häufig von ihrer Aufgabe als Vorstand einer Großfamilie überfordert. Auch Virginia Woolf (1882-1941) darf sich stets der Unterstützung ihres Mannes Leonard Woolf sicher sein, findet zudem zeitlebens ideale Orte zum Schreiben, explizit Hogarth House in London und später Monk`s House in Sussex. Und doch können selbst ein perfekter äußerer Arbeitsraum und produktive Schreibphasen nicht den fehlenden inneren Lebensmut ersetzen. Mit 59 Jahren begeht Virginia Woolf Selbstmord.

Zusammenbruch und Armut

Tatsächlich scheidet knapp die Hälfte der vorgestellten Dichterinnen freiwillig aus dem Leben. Gerade in deren Portraits erweist sich Simone Frielings sensible Betrachtungsweise als höchst stimmig, schildert sie doch ebenso knapp wie präzise, gleichzeitig einfühlsam die dramatischen Lebensumstände. Über allzu populäre Erklärungen, etwa daß Sylvia Plath (1932-1963) und Anne Sexton (1928-1974) an der Diskrepanz zwischen dem gesellschaftlichen Druck auf Frauen im Amerika Mitte des 20. Jahrhunderts und ihrem Anspruch als Künstlerin zerbrochen sind, setzt sich ihr essayistischer Blick hinweg, er verweigert Eindeutigkeiten. Das Nebeneinander von Kunst und Wahnsinn, weniger reißerisch formuliert: von Schreiben und psychischen Krankheiten, nimmt sie als Fakt ohne übertriebenen Deutungswillen. Allein die kontinuierlich eingestreuten Passagen aus Tagebüchern, Notizheften, Briefen oder dem literarischen Werk erlauben diskrete Einsichten in schriftstellerische, rätselhaft widersprüchliche Seelen.

Oft sind jene Zitate auch Zeugnis härtester Lebensbedingungen. Marina Zwetajewa (1892-1941) beispielsweise muß zeitweise auf einem Moskauer Dachboden vegetieren, ihr anschließendes 17-jähriges Exil ist von höchster materieller Not und Isolation bestimmt. Sie hat keinen Platz zum Leben, geschweige denn zum literarischen Arbeiten, weshalb sie fast überall schreibt, ja schreiben muß. Erst als ihre Kreativität versiegt, geht sie freiwillig in den Tod. Auch Else Lasker-Schüler (1869-1945), die sich ihre soziale Realität lange durch eine reiche Phantasiewelt vom Leibe halten kann, erlebt einen jahrzehntelangen Abstieg. Schäbige Kammern dienen als Notunterkunft und Schreibstätte.

Farm und Schreibtisch

Wertfreie Würdigung, ohne etwas zu beschönigen oder zu verurteilen, darin liegt die Qualität von Simone Frielings Essays. Ihre konzentriert-substanziellen Texte, orientiert an biographischen Eckdaten und angereichert mit privaten Alltagsdetails, entwerfen Portraits von einzigartigen Damen mit aufregend wachem Geist und oftmals tragischem Schicksal. Schon als Kind fallen viele durch ihren Widerspruchsgeist auf, leiden an Außenseitergefühlen; manche von ihnen müssen für ihre Unabhängigkeit einen (zu) hohen Preis zahlen. Fast dankbar liest man da, daß es immerhin Kate Millett (geb. 1934) geschafft hat, ihren Traum vom Schriftstellerinnendasein weitestgehend zu verwirklichen. Nicht nur für sich, sondern auch für andere Frauen, indem sie im Bundesstaat New York eine Farm als Künstlerinnen-Kolonie ausgebaut hat.

Gerade dieses Beispiel akzentuiert nochmals, wie wichtig der rechte Ort für den Literaten ist. Was das Wesen von Schriftstellerinnen letztendlich ausmacht, können und wollen die zehn Essays nicht erfassen, stattdessen zur Essenz des Schreibens vordringen. Und die liegt sowohl materiell als auch metaphorisch im Schreibtisch: nämlich einen zu besitzen, ihn in einem angenehmen Zimmer aufzustellen, in Ruhe an ihm arbeiten zu können. Für viele Schriftstellerinnen im 20. Jahrhundert war das keineswegs selbstverständlich, und die Suche nach einem Arbeitszimmer meinte eigentlich die Suche nach einem Existenzbereich für sich als Frau und Künstlerin, einen „Ort der Selbstvergewisserung und Selbstbestätigung, ja ein Hort des Glücks“, wie Simone Frieling bemerkt. Erst dort wird Schreiben zu Leben.

(von Nathalie Mispagel, Kulturexpertin bei academicworld.net)

 

Simone Frieling. Im Zimmer meines Lebens
Biografische Essays über Sylvia Plath, Gertrude Stein, Virginia Woolf, Marina Zwetaiewa u.a.
15,80 Euro, Edition Ebersbach

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