Im Schoß der Familie

Es ist die verfilmte Reise in das Reich der Camorra: Im Jahr 2006 veröffentlichte Roberto Saviano sein Buch über die Mafia in Neapel. Danach sprühten die Stadtbewohner „Hört ihm zu!“ an Hauswände. Kein bequemes Thema – und jetzt als Serie auf DVD erschienen.

Der 30-Jährige Ciro lebt mit Frau und Tochter in Neapel und verdient sein Geld wie so viele im Problemviertel Scampia: Er ist Mitglied des Mafia-Syndikats Camorra. Als rechte Hand des Paten Pietro Savastano macht er die Drecksarbeit: Brandstiftung, Körperverletzung und Mord gehören für ihn zum Alltag. Als sein Ziehvater und Mentor Attilio bei einer Schießerei ums Leben kommt, plagen Ciro tiefe Zweifel über seine Zukunft in der mörderischen Organisation. Doch ihm bleibt keine Zeit zum Nachdenken: Ausgerechnet, als sich Pietros verwöhnter Sohn Genny mit dem verfeindeten Conte-Clan anlegt, wird Pietro bei einer Polizeikontrolle verhaftet. Plötzlich liegt es an Ciro, Genny und Pietros Frau Imma samt dem gesamten Clan durch die Krise zu führen.

Don Pietro in seinem Zuhause - trauen kann er auch dort niemandem. Foto: Emanuela Scarpa

Don Pietro in seinem Zuhause – trauen kann er auch dort niemandem. Foto: Emanuela Scarpa

Die Kritik

Von der ersten Minute an ist selbst für die, die das Buch nicht kennen, eines deutlich: Es geht hier nicht darum, die Mafia und ihre Machenschaften zu glorifizieren. Die Serie ist keine feine Unterhaltung am Abend, sie wirkt wie eine Mischung aus Dokumentation und Fiktion. Was sie ja auch wirklich ist. Wahrscheinlich wäre die Serie schon jetzt viel bekannter, wenn sie die Mafia quasi als Zuschauerliebling präsentieren würde. Wenn eine TV-Serie aber willentlich auf derartige Elemente verzichtet, die die Zuschauerzahlen so krass erhöhen könnten, sollte man sich fragen: Warum wird so eine Serie überhaupt produziert?  Eine sehr interessante Frage, vor allem vor dem Hintergrund, dass es SKY Italia war, die den Auftrag gegeben hat. Eigentlich ist so etwas ja ein Produkt, das für Sky dick Umsatz bringen soll (in Deutschland ist die Serie bei polyband erschienen).

Bei GOMORRHA ist dieser Anspruch in den Hintergrund gerückt. Umso inhaltlich wertvoller ist sie. Der Autor des Buchs lebt im Untergrund, versteckt sich samt Familie vor der Öffentlichkeit – und seinen Feinden. Das untermauert den Echtheitsanspruch der Serie noch um ein vielfaches. Und da haben wir die Antwort: Die Serie dreht sich um eine fiktive Familie, erlaubt aber dem Zuschauer einen sicheren Blick in die Mafiosi-Welt, die echt ist. Die existiert. Und nicht im New York der 1940er, als die Waffen noch lächerlich groß waren und die Anzüge der Männer grauenhaft. GOMORRHA ist echt, passiert gerade in diesem Moment, bedrückt und macht Angst.

Die ersten beiden Folgen beginnen recht langsam. Dadurch, dass bei der Auswahl der Schauspieler nicht auf Zuschauerlieblinge gesetzt wurde, fällt die typische Faszination einer neuen Serie erst einmal gering aus. Irgendwie ist man trotzdem daran interessiert, wie alles weitergeht. Also schaut man noch eine Folge. Hm, noch eine. Am nächsten Tag wieder und *plopp* ist man in der Welt von Gomorrha angekommen – ein schleichender Prozess. Während dem Handlungsverlauf weiß man nie, was einen erwartet. Klar, der Don kommt ins Gefängnis. Aber kommt er jetzt wieder raus? Bald, später? Wird er verlegt? Kriegt er auch im Knast seine Geschäfte auf die Reihe? Wer ist der Verräter? Wie dumm ist Genny wirklich? Und wer die Antworten haben will, kuckt am besten weiter ^^

Fazit: Eine Serie, die man gesehen haben muss. Tiefgang, Drama, Lachen (selten), Spannung, Irritation, noch mal drüber nachdenken, bevor man schlafen geht. Eine Serie, die in kein Schema passt und deswegen alle Grenzen sprengt.

Bettina Riedel (academicworld.net)

GOMORRHA, Staffel 1
12 Folgen

Darsteller: Marco D’Amore, Fortunato Cerlino, Antonia Milo, Salvatore Esposito, Maria Pia Calzone

Seit dem 25. September im Vertrieb der Polyband GmbH auf DVD und BluRay im Handel erhältlich

Stand September 2015
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