Ich träume, also bin ich

In England wird sie längst als nächste J. K. Rowling gehandelt. Samantha Shannon hat mit dem Auftakt zur auf sieben Teile (auch hier lässt Potter grüßen) angelegten Reihe um die junge Seherin Page Mahoney ordentlich Beachtung gefunden. Dabei schreibt sie aktuell noch nicht einmal hauptberuflich, sondern „nur“ neben dem Literaturstudium in Oxford. Aber hält der Hype, was er verspricht?

Ich träume, also bin ich

London, 2059

Die Gedanken anderer Menschen sind für sie kein Geheimnis. Die 19jährige Page Mahoney lebt im London des Jahres 2059 – in einer Welt, die Gaben wie die ihre, im besten Fall nur mit Gefängnis ahndet. Außer natürlich sie arbeiten für die Regierung. Freiheit ist aber auch dann nicht großgeschrieben, denn in der Welt von „The Bone Season“ ist alles klar geregelt. Den Sektor, der Lebensmittelpunkt ist, zu verlassen ist schwierig, die Stadt zu verlassen fast schon ein kriminelles Abenteuer, aus dem Land zu kommen nahezu unmöglich. Die gebürtige Irin Paige hat versucht sich damit zu arrangieren. Sie ist eine ganz besondere Seherin: eine Traumwandlerin, die die Traumlandschaften anderer Menschen sehen kann und in diese eindringen kann. Dies alles geschieht im Æther, dem Reich der Geister, in das sich Seher Zugang verschaffen können, im Gegensatz zur nicht-sehenden Bevölkerung, den Amaurotikern.

Um nicht allzu sehr aufzufallen mit ihren Fähigkeiten, hat sich Paige dem Syndikat verschrieben, einem geheimen Zusammenschluss der Seher im Londoner Untergrund. Unter dem „weißen Fesselmeister“ Jaxon Hall hat sie dabei nicht nur das ein oder andere „Denkdelikt“ – so nennt man im Staate Scion die Taten der Widernatürlichen – begangen, sondern auch ihr seherisches Könnern verfeinert. Sie ist stark, schnell und talentiert. Das hilft ihr aber nicht, alles sie eines Abends in der U-Bahn enttarnt wird und versehentlich einen Mord begeht. Nach einer rasanten, aber letztlich erfolglosen Flucht wird sie unter Drogen gesetzt, gefangen genommen und gefoltert. Nur um sich kurz darauf in der „verlorenen Stadt“ Oxford wiederzufinden. Die ist mittlerweile eine Art Strafkolonie für Seher unter der Herrschaft der geheimnisvollen Rephaim.  Einem von ihnen, Arcturus, soll sie künftig als Sklavin dienen. Noch nie zuvor hat Arcturus einen der entführten Seher für sich beansprucht. Bald entsteht ein seltsames Band aus Hass und Vertrauen zwischen den beiden, während Paige um ihr Leben und ihre Freiheit kämpft.

Interessanter Weltentwurf mit Entwicklungspotenzial

Schon 1859 – noch zu Zeiten von Queen Victoria – spaltet sich Shannons Welt der Seher von unserer eigenen ab. Über 150 Jahre parallele und doch abweichende Geschichte lässt sie in ihre Erzählung einfließen. Das wie auch die Schilderungen der Lebensumstände und Grundzüge ihres Scion-Reiches macht sie durchaus gekonnt und auch ihre Hauptfigur Paige ist nicht ohne Reiz.

Aber: Wenn man mehrfach liest oder hört, dass ein Buch oder Film besonders toll ist, dann gibt es oft zwei extreme Herangehensweisen an dieses Werk: unbedingt konsumieren wollen, oder komplett aus dem Weg gehen, weil man es schon nicht mehr hören kann. So ganz verdient hat „Die Träumerin“ keines von beiden. Obwohl Setting und Charaktere sehr individuell und wohl überlegt erscheinen, kommt offenbar doch nicht die große Sogwirkung auf. Das Gefühl, dass einen die Figuren noch länger verfolgen oder man unbedingt sofort wissen will, wie es weitergeht, bleibt aus. Es ist ein wirklich interessante Welt, die Shannon da eröffnet. Mit einer eigenwilligen Heldin, aber nichts, was die Vorschusslorbeeren rechtfertigt. Aber vielleicht warten wir ja einfach mal den nächsten Band ab.

Gisela Stummer (academicworld.net)

Samantha Shannon. The Bone Season – Die Träumerin
16,99 Euro. BERLIN VERLAG 

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