„Ich sah …“ – Augenblicke auf der ganzen Welt

Christoph Ransmayer vereint in seinem Buch „Atlas eines ängstlichen Mannes“ Momentaufnahmen seiner Reisen rund um den Erdball – jede Erzählung für sich ist ein wahrer Edelstein.

Der Erzähler als Beobachter. Bild: Lupo/pixelio.de

Boris Pasternak soll einst gesagt haben: „Literatur ist die Kunst, Außergewöhnliches an gewöhnlichen Menschen zu entdecken und darüber mit gewöhnlichen Worten Außergewöhnliches zu sagen“.

Wenn dem so ist, dann ist Christoph Ransmayer ein Meister seines Faches. In seinem Buch „Atlas eines ängstlichen Mannes“ vereint er 69 Momentaufnahmen seiner Reisen rund um den Erdball und eine, die er von seiner Frau übernommen hat. Es sind kleine Szenen, die einen zum Staunen und Nachdenken anregen, die aber jedem von uns tausendfach begegnen können, wenn – ja, wenn wir die Augen für sie öffnen.

Die Geschichten scheinen sich oft ohne Zusammenhang aneinanderzureihen und bilden doch eine Einheit, weil sie Aspekte des Großen und Ganzen beschreiben, zu dem jeder Mensch, jedes Tier, jeder Gegenstand unverrückbar gehört.

 

Szene aus dem Buch: Eine Schlange kriecht sterbens ins Gebüsch. Bild: Peter Kormann_pixelio.de

Beobachter mit Sinn fürs Detail

„Ich sah…“, so beginnt jede seiner Geschichten und in der Tat ist Ransmayer einer, der sieht, der beobachtet, der neue Blickwinkel einnimmt und über die Grenzen von Zeit und Raum hinweg seine Umwelt wahrnimmt. Und auch in der Lage ist, das, was er sieht, weiterzugeben und zwar in einer Bildhaftigkeit, die ihresgleichen sucht und Fotografien der Orte, an die er seine Leser entführt, überflüssig macht, so exotisch sie auch sein mögen. 

Das Einzige, was ein Rätsel bleibt, ist der Titel, denn Ängstlichkeit ist nicht das, was man als erstes mit einem Weltreisenden verbindet, der vor keinem noch so entfernten Ort zurückschreckt und sich sowohl der Einsamkeit, als auch dem Fremden stellt. Aber vielleicht hat er dieses Wort ausgewählt, weil er Beobachter bleibt, im Hintergrund, weitestgehend passiv, selbst in Situationen, wo ein anderer vielleicht eingegriffen, reagiert hätte. 

 

Fazit: „Atlas eines ängstlichen Mannes“ ist kein Buch, das man einfach zügig durchlesen kann. Es ist eine Sammlung kleiner Edelsteine, die von allen Seiten genau betrachtet werden wollen. Ein Buch, das einen dazu auffordert, die Augen zu öffnen und die Dinge, egal ob sie schön oder hässlich sind, in all ihren Schattierungen und Details wahrzunehmen. Ein Werk, das lehren kann, wieder zu staunen und Wunder zu erkennen. 

Katharina Baumfeld, academicworld userin

Christoph Ransmayer. Atlas eines ängstlichen Mannes.
S.Fischer Verlag. 24,99 Euro.

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