„Ich hasse Menschen, die aufgeben.“

Das Leben kennt viele Extremsituationen, wenn man aber nur zwischen solch konträren Polen lebt kann das nicht ohne Folgen für die Psyche bleiben. Susanne Bier, preisgekrönte Regisseurin aus Dänemark, zeigt in ihren Filmen gerne solche Wendepunkte im Leben – die bei ihr oft in Gewaltausbrüchen enden. So auch in „In einer besseren Welt“, dem diesjährigen Oscar®-Gewinner für den besten fremdsprachigen Film.

Anton und Marianne haben Probleme. © Universum Film GmbH

Gewalterfahrungen und dysfunktionale Familien

Bier, die ja schon länger als schonungslos ehrliche Expertin für emotionale und moralische Grenzsituationen gilt, ist ein großer, vielleicht großartiger Film über Schmerz, Verletzungen und Konflikte gelungen. Mit ihren Großaufnahmen der Gesichter scheint die Regisseurin durch die Augen der Protagonisten direkt in ihre Seelen zu blicken. Besonders die Kinderdarsteller wissen mit Blicken zu bewegen.

Anton ist ein guter Mensch. Mehrere Monate im Jahr arbeitet der Arzt in einem Flüchtlingslager in Afrika. Dass darunter seine Familie im heimatlichen Dänemark leidet nimmt er billigend in Kauf, obwohl er – wenn zu Hause – ein führsorglicher Vater ist; auch nach der Trennung von Frau und Kollegin Marianne. In einer besseren Welt würde sie seinen Einsatz für Arme und Unterprivilegierte toll finden und gerne zu Hause auf Ihn warten. Leider leben wir in keiner besseren Welt.

Konfliktlösungsmodelle

Elias ist der Sohn der beiden. In der Schule ist er der Buhmann. Wird bedroht und schikaniert. Da kommt Christian in seine Klasse. Oft umgezogen, Einzelkind, die Mutter gerade gestorben und der Vater ohne rechten Bezug zum Sohn fühlt der Neue sich spontan für Elias verantwortlich. Mit einem spontanen Gewaltausbruch verteidigt er das bisherige Opfer und verschafft so sich und Elias Respekt beim Schulrüpel.

Sollte man wirklich die andere Wange hinhalten? © Universum Film GmbH

Doch dieses Modell der Konfliktlösung durch Gewalt gefällt dem Jungen bald zu gut. So ist er regelrecht schockiert, als Anton sich bei einem gemeinsamen Ausflug mit den Jungen von einem Angreifer überhaupt nicht provozieren lässt und einige Ohrfeigen klaglos einsteckt. Dann müssen sich eben Elias und Christian für ihn rächen – beschließen sie und stecken plötzlich in einer Gewaltspirale fest, aus der sie nicht recht entkommen können. Und bald geht es um mehr als Recht und Unrecht.

Parallelität der Konflikte

Fröhlich und unbeschwert ist eher selten in den Skandinavischen Filmen der letzten Tage. Auch „In einer besseren Welt“ geizt zwar nicht mit warmen Farben und lichtdurchfluteten Bildern, doch sind dieser oft von eher verstörender Schönheit. Mehr als Kontrapunkt, denn als Untermalung des Geschehens. Weil das aber Parallelen zwischen Afrika und Dänemark aufzeigt, ähnliche Probleme, Herausforderungen und Dilemma, werden die beiden Räume auch ähnlich inszeniert, mit Blau- und Gelbtönen und Tieren. Teilweise ist bei Überblendungen auf den ersten Blick gar nicht zu erkennen, wo man sich aufhält.

Der Konflikt zwischen Nord und Süd wird zwar aufgezeigt, alleine schon durch die Notwendigkeit externer medizinischer Hilfe im Flüchtlingslager, doch wird die Unterscheidung eher dekonstruiert als manifestiert. Viele Themen tauchen so gleichermaßen auf, etwa die Fremdenproblematik, Gewalt, „Missbrauch“, Freundschaften mit Bedingungen (wenn du das tust, bin ich dein Freund), die Frage nach dem gerechten Tyrannenmord, die Grenzen zwischen Macht und Ohnmacht, zwischen Stärke und Schwäche. Die großartigen Schauspieler helfen dabei. Besonders die Kinderdarsteller legen eine beachtliche Leistung hin und bleiben im Gedächtnis.

Sprachlosigkeit zwischen Christian und seinem Vater Claus. © Universum Film GmbH

Der Druck der Erwartungen

Susanne Bier schafft es zu zeigen, wie Entscheidungen ein Leben formen, und wie Gewalterfahrungen den Menschen verändern. Dabei stellt sie uns Fragen, die nicht leicht zu beantworten, dafür aber wichtig sind: Wie haltbar ist das (Sicherheits-)Netz, das uns vor uns selbst beschützt? Wie idyllisch ist die Idylle? Soll man Schwäche zeigen oder lieber nur Stärke? Wann ist es besser sich zu stellen statt wegzulaufen? Wo fängt Mord an? Wer entscheidet darüber, wer das Monster ist?

Einmal mehr stellt Sie – obwohl der Kampf gegen andere, äußere „Feinde“ so wichtig scheint – im innersten den Kampf gegen sich selbst in den Mittelpunkt ihres Filmes. Wie mit Idealismus und Verantwortung umgehen? Mit der Angst vor Einsamkeit und mit Verlusten? Mit den Gefühlen von Hass und Rachsucht? Sie thematisiert dadurch ein Stückweit auch den Verlust der Unschuld (von Einzelpersonen wie auch der Gesellschaft) und schafft eine beachtliche Fallhöhe. Ohne ihre Figuren aufzugeben, wenn sie zu weit gehen, am Boden sind. Sie scheint zusammen mit der Figur des Christian zu sagen: „Ich hasse Menschen, die aufgeben.“

Kein Gute-Laune-Film, der nebenher läuft. Vielmehr ein Film, der vom Zwiespalt lebt, von den erzwungen Entscheidungen darüber, wer und wie man sein will, von der Zerbrechlichkeit von Beziehungen.

Für „In einer besseren Welt“ muss man sich Zeit nehmen – aber die lohnt sich!

Gisela Stummer (academicworld.net)


Regie: Susanne Bier

Darsteller: Mikael Persbrandt (Anton), Trine Dyrholm (Marianne), Ulrich Thomsen (Claus), Markus Rygaard, William Jøhnk Nielsen, Kim Bodnia, Odiege Matthew, Elsebeth Steentoft, Bodil Jørgensen

Land: Dänemark, Schweden (2010)

Länge: 113  Minuten

Universum Film GmbH


Stand: Herbst 2011

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