Hochspannung aus Skandinavien

Hans Koppels legt mit seinem Thrillerdebüt „Entführt“ eine ernsthafte Alternative zu den Büchern seines dänischen Kollegen Jussi Adler-Olsen vor. Dabei stehen die Motive Rache und Vergeltung im Vordergrund der spannenden Geschichte über eine Frau, die von einem auf den anderen Tag alles verliert. Ein Martyrium mit ungewissem Ausgang beginnt für sie …

Trautes Heim – Glück allein

Statt mit ihren Arbeitskollegen feiern zu gehen, macht sich Ylva nach Feierabend gleich auf den Heimweg, um schnell zu ihrem Mann Mike und ihrer achtjährige Tochter Sanna zu kommen. Doch unterwegs wird sie aufgehalten. Ein Auto hält neben ihr. Nach einem kurzen Gespräch steigt sie ein. Schnell stellt sie fest, dass sie damit einen riesen Fehler begangen hat. Denn Ylva wird entführt und in einen schalldichten Keller gesperrt. Ihr einziger Kontakt zur Außenwelt besteht von nun an in einem Monitor, der auf das Haus ihrer Familie gerichtet ist, dass nur wenige Meter von ihrem Verlies entfernt ist.

Bei jeder sich bietenden Gelegenheit wird sie von ihren Entführer gedemütigt. Sie muss die willige Gespielin geben und Hausarbeiten erledigen, denn die Kidnapper, ein Paar das sie aus ihrer Vergangenheit kennt, machen sie für den Selbstmord ihrer einzigen Tochter verantwortlich. Sie haben nur eins im Sinn – Rache für ihre Tochter. Auf ihrem Vergeltungstrip kennen sie keine Gnade. Ein unendlich langer Leidensweg für Ylva nimmt ihren Anfang … 

Spannung pur

Mit „Entführt“ setzt der schwedische Autor Hans Koppels gleich bei seinem Thrillerdebüt ein echtes Ausrufezeichen. Es gelingt ihm ohne Mühe, den Leser von der ersten bis zur letzten Seite zu fesseln. Die Geschichte um Ylva besticht dabei durch eine hohe Intensität. Auch wenn man nicht gleich sagen kann, ob einem die Hauptperson wirklich sympathisch ist, leidet man trotzdem mit ihr. Es ist bewundernswert, welche Entwicklung sie im Laufe des Buches durchläuft. Anfangs noch strotzend von Widerstandskraft scheint sie mit der Zeit gebrochen – doch das ist nur der äußere Anschein. Sie gibt nicht auf. 

Stück für Stück

Koppels versteht es das Interesse des Lesers hoch zu halten, indem er nicht schon zu Beginn die Karten auf den Tisch legt. Erst nach und nach erfährt man mehr über die Hintergründe. Wie kam Ylva in diese Situation. Hat sie sich möglicherweise selbst zuzuschreiben, was mit ihr passiert? Was sind die Motive für eine solche schreckliche Tat. Es ist sehr interessant zu sehen, was der Selbstmord ihrer Tochter aus den beiden Entführern gemacht hat – kaum noch menschliche Züge sind bei ihnen zu erkennen. Jegliche Empathie fehlt ihnen. Doch inwieweit bringt ihnen das ihre Tochter zurück? Man erkennt bald, dass zumindest der männliche Entführer Zweifel an ihrem Vorgehen hat. Doch letztendlich siegt der Hass.

Beziehungschaos

Besonders interessant fand ich auch die Beziehung zwischen Ylva und ihrem Mann Mike. Ihr Verhältnis ist belastet von seiner ständigen Angst sie zu verlieren, da sie ihn schon einmal betrogen hat. Es dauert daher auch sehr lange, bis er tatsächlich von einem Verbrechen ausgeht, nachdem sie verschwunden ist. Sinnbildlich ist, dass ihm zunächst als erstes in den Kopf kommt, dass sie ihn und ihre Tochter im Stich gelassen hat, um mit einem anderen Mann durchzubrennen. Es ist spannend zu sehen, wie er innerlich mit sich ringt, ob und wann er sich wieder für andere Frauen interessieren darf. 

Fazit: Alles in allem bietet „Entführt“ Thriller-Fans genau das, was man von einem guten Thriller erwartet.

Thomas Hepp (academicworld.net)

Hans Koppel. Entführt
14,99 Euro. Heyne

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