Hoch im Norden …

Der Sommer verlangt nach einer eigenen Sorte Buch – inhaltlich zumindest. Locker sollte es sein. Fesselnd, aber nicht nervenaufreibend. Den Leser zufrieden lächeln lassen. Ein Vertreter dieser Kategorie könnte das neueste Werk der Autorin Petra Oelker sein.

Hamburg, vor dem ersten Weltkrieg. Dora Lenau ist mit ihrer Tante gerade den Gassen entronnen und lebt in einer normalen Wohnung. Trotzdem ist und bleibt sie eine einfache Näherin ohne weitere Ausbildung. Als sie in ihrer Arbeit aus Unbedachtheit und Wut eine Schachtel Bänder mitnimmt, muss sie um ihre Anstellung fürchten. Insbesondere, weil ihr Cousin Theo sie kurzerhand damit erpresst … Wie gut, dass eine Bekannte ihrer Chefs eine Näherin für ihr eigenes Geschäft benötigt und Dora ‚ausleiht‘.

Dort trifft sie auf die melancholische Sidonie Wartberger. Die betuchte Dame jüdischer Wurzeln hatte mehrere Fehlgeburten hinter sich. Für die junge Ehefrau Rückschläge, die die Psyche erheblich belasten. Durch einen Zufall verbringen die beiden immer mehr Zeit miteinander bis sie merken, dass das Leben vor allem eins ist: kurz. Wie lange wollen sie noch warten, bis sie ihre jeweiligen Träume verwirklichen?

Die Kritik

Das Buch liest sich so locker leicht wie eine Sommerbrise. Jetzt am Anfang des Herbst wirkt das wie ein Versprechen auf den nächsten Sommer. Die Szenen und örtlichen Gegebenheiten in Hamburg sind sehr anschaulich beschrieben. Sie fesseln den Leser so lange, bis er sich selbst an der Alster entlanggehen sieht und selbst ein Bayer ein Alsterwasser bestellen möchte.

Ein bisschen schade ist es, dass sich die beiden Frauen relativ spät im Buch überhaupt begegnen. So richtig unwiderruflich miteinander verbunden werden sie auch nicht. Am Ende werden alle Einzelschicksale aufgelöst. Dabei kommt es zu keinen Überraschungen. Es wirkt fast etwas so, als hätte sich die Autorin die Sache etwas zu leicht gemacht. Vor allem: Etwas zu schnell, gerade, weil Dora und Sidonie sich so spät begegnen.

Die Autorin ist im Schreiben geübt und hat umfangreich recherchiert. Das kommt der Handlung und den Charakterrn unglaublich zu Gute. Aber auch an der Sprache merkt man es. Längst vergessene Ausdrücke werden hier so selbstverständlich verwendet, dass man sich glatt in diese Zeit vor dem ersten Weltkrieg zurückversetzt fühlt. Quasi eine sprachliche Wiederentdeckungsreise, die den Leser nicht durch komplizierte Wortgebirge führt. Vielmehr eine luftige Erzählung, die dem Leser einen Hauch Sommer durch den Regen in die Erinnerung bringt.

Bettina Riedel (academicworld.net)

Petra Oelker. Das klare Sommerlicht des Nordens.
Rowohlt Polaris. 14,99 Euro.

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