Hirngespinste

Mittlerweile gehört es zum guten Ton in Hollywood, sich gelegentlich von der selbstironischen Seite zu geben. Daß dies oft nur eine pseudo-originelle Variante des ewigen ’Seht her, hier bin ICH!’ ist, offenbart „Charlies Welt“, ab 2.5. im Kino.

von Nathalie Mispagel, Kinoexpertin auf academicworld.net

 

Vielleicht der bisher schlechteste Film des Jahres: Roman bringt Schande über den Namen Coppola

Belanglos

Schon der Originaltitel verursacht Kopfschmerzen: „A glimpse inside the mind of Charles Swan III”. Da hat sich offenbar jemand gründlich an den Feinheiten des Einfallsreichtums verhoben. Oder eine Warnung ausgesprochen. Wer will schließlich ernsthaft in die Psyche von Charlie Sheen blicken? Denn der, ausgewiesener Bad Boy der Filmszene, spielt nicht nur die Hauptrolle, sondern hat wohl auch ein wenig Pate für die Figur des Mr. Swan gestanden. Soll man als Zuschauer zumindest glauben. 

Um den Wiedererkennungseffekt zum Witz zu erheben, wohnt Charlie Swan, Grafikdesigner und Lebemann, in einem Los Angeles, das stilistisch den 1970ern verhaftet ist. Im Beruf scheint er erfolgreich zu sein, nur privat hapert es ständig. Gerade hat ihn Ivana (Katheryn Winnick), seine große Liebe, verlassen. Zurück bleibt nur ein Berg an Schuhen sowie Charlies gebrochenes Herz. Ein ’ironisch gebrochenes’ natürlich, sind seine Gefühle durch den unerwarteten Verlust doch ebenso in Aufruhr geraten wie sein Denken. Halluzinationen und Tagträume suchen ihn heim, die in ihrer grellen Belanglosigkeit die Nerven ungeheuer strapazieren. Vor allem die des Zuschauers!

Witzlos

Laut Presseheft hat Regisseur Roman Coppola die Hälfte seiner Verwandten und Freunde um sich geschart, um mal eine richtige gute Zeit zu haben. Bedauerlicherweise wurde bei dieser Gelegenheit auch sein grenzdebiles Drehbuch verfilmt. Im Grunde handelt „Charlies Welt“ nur von einen Mann, der in seiner Pubertät steckengeblieben ist und dies als Midlife-Crisis tarnt. Beworben wird der Film freilich wahllos als unkonventionelle Spielerei, postmoderne Assoziationskette oder bunte Kinophantasie.

In ihrer Begeisterung über die eigene, ach so anarchische Fabulierkunst ist den Filmemachern glatt entgangen, wie geistig limitiert Konzept wie Umsetzung geworden sind. Heutzutage offiziell als geschmacklos disqualifiziertes Design der 70er ist noch nicht per se lustig, ebensowenig wie ein Tagtraum, in dem Charlie zusammen mit Freund Kirby (Jason Schwartzman) als jüdischer Cowboy von leichtbekleideten Indianerinnen überfallen wird. Beinahe gerettet werden sie wiederum von Charlies Manager Saul (Bill Murray), gewandet wie einst John Wayne. Wer hierüber nicht lacht, bekommt keine weitere Chance. Denn das war bereits das humoristische Highlight des Films.

Hirnlos

„Charlies Welt“ ist pure Selbstverliebtheit von Regisseur und Crew. Roman Coppola zelebriert sich als großspuriger Dirigent eines Reigens an dümmlichen, nein schlimmer: langweiligen Gags, während sich Charlie Sheen in der Rolle des prahlerischen Playboys merklich gefällt. Man könnte die lässige Chuzpe bewundern, mit der er sein Image karikiert – wenn die Karikatur denn geistreich wäre und nicht nur eitle Vergewisserung der eigenen Bedeutsamkeit. Schon sein Dauertragen einer Sonnenbrille, nur abgenommen zum Duschen und Heulen, findet irgendwie keinen ironischen Widerhall. Vielleicht soll mit diesem Accessoire aber auch nur der längst eingesetzte Alterungsprozeß leidlich verborgen werden. Bekanntermaßen wollen kleine Jungs nie vergreisen.

Während der Film inspirationslos von Rückblende zu Tricksequenz, von trivialem Dialog zu banaler Handlung schlingert und dabei reinen Leerlauf produziert, darf man sich so seine Gedanken machen. Ja, es mag cool sein, nicht erwachsen werden zu wollen. Die Welt braucht Abenteurer, keine Bausparer. Doch den Verstand auf Kinderniveau verkümmern zu lassen, ist einfach nur öde. Und Filme darüber zu drehen eine kleine Zumutung. 


Charlies Welt

Regie: Roman Coppola
Darsteller: Charlie Sheen, Jason Schwartzman, Bill Murray
Kinostart: 2. Mai 2013
Verleih: Koch Media 

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