Hinter den Kulissen

Wenn der Orient Express in Paris losfährt, wir uns im Jahr 1939 befinden und Europa gerade den Zweiten Weltkrieg eröffnet hat, kann das nur eines bedeuten: Hochspannende Verwicklungen auf einer Reise, deren Route fest vorgegeben zu sein scheint …

Ein Zug verlässt den Pariser Bahnhof und nimmt Kurs auf den Balkan. Es ist kein gewöhnlicher Zug und erst recht keine gewöhnliche Zeit: Das Jahr ist 1940 und der Zweite Weltkrieg hält den alten Kontinent bereits seit einigen Monaten auf Trab. Grauenhafte Szenen spielen sich ab und noch grausamere Gerüchte von den deutschen Konzentrations- und Arbeitslagern machen die Runde. Mittendrin, durch dieses Chaos eines ganzen Kontinents, auf dem der Hass hochkocht, fährt der Simplon Orient Express – der legendäre Fernzug, berühmt für den Luxus und den Service.

Eine explosive Mischung – das umschreibt die Zusammensetzung der Reisegruppe wohl am besten. Drei Wagen umfasst der Orient Express: Einen Schlafwagen hinter der Lok, ein Salonwagen mit Fumoir und Non-Fumoir (wie herzallerliebst altmodisch), gefolgt vom zweiten Schlafwagen. Während der Exil-König von Carpathien sich den ersten mit der russischen Zarenfamilie Romanow (oder was von dieser noch übrig ist) teilt, befindet sich die restliche Welt im letzten Schlafwagen: Ein Brite, eine Jüdin, ein Deutscher (Abwehrdienst), ein russischer Kommunist, ein amerikanisches Ehepaar – um die wichtigsten Protagonisten zu nennen. Zusammen ergeben sie die Welt – oder zumindest den Teil der Welt, um den es im Zweiten Weltkrieg hauptsächlich ging.

Benjamin Monferat ist ein Pseudonym, aber das tut an sich so gar nichts zur Sache. Er ist seit einer Weile ein weiterer deutscher Autor, der sich in künstlerischem Maße auch der Schuldfrage stellt. Ohne sie mit purer Demut zu beantworten. Er stellt die Menschen heraus, die von innen gegen das Regime gearbeitet haben und deren Wirken möglicherweise niemals bekannt wurde. Die das Grauen „dokumentierten“, um nach dem Krieg die Schuldfrage vor Gerichten klären zu können. Die zwischen Familie, Heimatland und aktueller Politik unterschieden. Denn es gab mehr als nur das Nazideutschland. Gleichzeitig schafft der Autor den Balance-Akt und vermeidet jeden Anschein, hier etwas zu geschönt darstellen zu wollen. Das ist auch in einem fiktiven Roman bei diesem immer noch brisanten Thema nicht einfach und hier sehr gut gelungen.

Die Verwicklungen der Charaktere gleichen einem alten Krimi: Wer mit wem verfeindet ist, ist wohl bekannt. Dennoch gibt es immer wieder Ausreißer aus diesen Klischees. Zudem gilt: Durch die Geheimniskrämerei der damaligen Zeit wusste die rechte Hand oftmals nicht, was die linke tat – und kamen sich dabei durchaus auch in den Weg.
Der Autor arrangiert seine Figuren mit künstlerischer Freiheit und einer Detailverliebtheit, die beeindruckt. Jedes Wort sitzt und doch vergehen auf den über 700 Seiten inhaltlich gerade einmal 48 Stunden. Damit ist klar, dass die gewählte Zeit mehr eine Szene aus dem Zweiten Weltkrieg darstellt als eine Zusammenfassung. Es geht nicht darum, die historischen Hintergründe von Grund auf bis zum Ende komplett auszuleuchten. Monferat kümmert sich geradezu liebevoll um die politischen Verwicklungen, die emotionalen Reaktionen seiner Figuren und die künstlerische Vermischung realer mit fiktiven Charakteren. Exquisites Lesevergnügen!
Ein Autor, dessen Pseudonym man sich unbedingt vormerken sollte.

Bettina Riedel (academicworld.net)

Benjamin Monferat. Welt in Flammen.
Rowohlt / Wunderlich Verlag. 22,95 Euro.

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