Herabstürzendes Himmelszelt

Was für manches Wesen der Zahn der Zeit, ist für Tahn und seine Freunde die Stille. Die wird von einem mächtigen Feind verkörpert, der ihre Welt zerstören möchte. Eine Reise ins Ungewisse unter der Leitung des Sheson Vendanij sollte bei der Lösung des klitzekleinen Problems helfen. Doch erstens kommt es anders zweitens als man denkt …

Achtung, Spoiler, da Band 2! Was in Band 1 geschah, könnt ihr hier nachlesen.

Tahn und seine Freunde sind nicht mehr gemeinsam unterwegs. Nach tragischen Konfrontationen mit einer höheren Macht wurde ihre Reisegruppe getrennt. Tahn und Sutter sind von nun an zu zweit unterwegs, der Rest zerschlagen in alle Winde. Wendra, Tahns Schwester, liegt verletzt in einer Höhle, während der kleine Penit Hilfe für sie sucht. Breathen und der Sheson reisen gemeinsam weiter in das Mal – ein mystischer Ort der Zerstörung. Der Kampf der dort einst ausgefochten wurde, machte das Land zu einer riesigen Narbe für die Welt. Dort lebt Grant, ein Ausgestoßener, ein ehemaliger Sheson. Als er sich ihnen anschließt, führt der Weg aller endlich nach Decalam, einer ebenso sagenumwobenen Stadt. Dort soll vor allem Wendra ihr etwas anders geartetes Sängertalent in den Dienst der Allgemeinheit stellen. Wie gut, dass sie die Sturheit ihres Bruders geerbt hat und ihren eigenen Kopf durchsetzt.

Nachdem also einige bunt gemischte Charakter im ersten Buch unter teils ungeklärten Umständen zusammengekommen sind, muss jeder nun dennoch wieder seinen eigenen Weg finden. Das tut dem Buch gut, erinnert dann aber doch stückweise an den Herrn der Ringe. Andererseits: Wie könnte es auch nicht? Schließlich ist jeder Charakter einzigartig und ein gemeinsamer Weg kann nicht aus jedem den Held machen, den die Welt braucht.

Kreative Zerstörung

Welcher Opfer jeder einzelne von ihnen noch zu erbringen hat, um das Wohlergehen der Truppe zu sichern, stellt sich oftmals erst im Nachhinein heraus. Erst recht, wer welche Rolle in dem vielleicht letzten Akt auf der Bühne dieser Welt innehaben wird. Eines steht fest: Mit ihrem Schicksal ist definitiv nicht zu spaßen … Familien- und Freundschaftsbande zerbrechen, neue werden geformt. Die Verluste sind groß und nicht immer finden Tahn, Sutter, Braethen und ihre Freunde einen Sinn in ihnen. Derweil breitet sich die Stille aus und droht alles zu verschlingen, das sich in ihrem Weg befindet …

Sagen der Welt

Natürlich zieht der Stoff seine Inspiration aus den gängiger menschlicher Vorstellung eines letzten Tages, Ragnarök, das Jüngste Gericht, wie auch immer es in verschiedenen Religionen genannt wurde. Die Ähnlichkeit mit Ragnarök ist aber die größte, geht die Existenz alles Lebendigen doch in einem riesigen Gewaltakt unter. Darauf steuern die Verbündeten im Endeffekt zu und wissen nicht, wie sie den Lauf der Zerstörung aufhalten sollen.

Gefahr von allen Seiten

Wenn da nur nicht die Feinde wären, die der bunt zusammengewürfelten Truppe ihrerseits auch noch Steine in den Weg werfen. Vor allem die gut organisierte Liga der Edukation hat ihre Finger überall im Spiel und zögert nicht, Kontrahenten mal eben um einen Kopf zu erleichtern. Diese Liga steht für diejenigen, die die drohende Gewalt verneinen und ignorieren. Da sie sich in die verschiedensten Regierungen eingeschlichen hat, ist sie sehr mächtig …

Bisweilen zieht sich die Erzählung dahin und insbesondere die Textpassagen von Vendanij („Die Stille breitet sich aus!“) wiederholt sich des Öfteren. Dafür gibt vielleicht genau diese Länge der Erzählung die Möglichkeit, an Tiefe zu gewinnen und nicht nur die Reise „abzuhandeln“. Es sind Details wie das historische Mal oder Hintergründe zur magischen Bundessprache, die aus einer einfachen Erzählung das Epos machen, das Peter Orullian geschaffen hat. Insgesamt werden außerdem einige drängende Hintergrundfragen aus Band 1 beantwortet – nicht ohne, dass neue in den Raum gestellt werden, die wir hoffentlich in Band 3 Anfang 2015 auflösen können … Die Neugier ist da, die Spannung ist groß!

Bettina Riedel (academicworld.net)

Das Gewölbe des Himmels – Der Unrechte. Peter Orullian.
blanvalet. 16,00 Euro.

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