Held der Gegenwartsliteratur

New York, Anfang der 2000-er. Die Dotcom Blase ist kürzlich geplatzt und New York ist voll mit Verlierern. Inmitten dieses bunten Haufen stößt die Privatermittlerin Maxine auf das mysteriöse Hashslingerz. Ein Unternehmen, das nicht existiert, aber viel Geld in den Nahen Osten schafft …

Achtung, es folgt Schwärmerei.

Ein Buch von Pynchon ist immer Buch, das seinen Anschaffungspreis mehr als wert ist. Dafür gibt es so viele Gründe! Auch wenn es sich flüssig liest, ist es nicht super schnell durchgelesen. Man bekommt ordentlich was geboten. Manchmal deutet der Autor Hintergründe nur leicht an. Manchmal winkt er nicht nur mit dem Zaun, sondern wirft dem Leser das ganze Dorf samt Kirche entgegen. Es gibt also immer einen zweiten Sinn, den man manchmal leicht versteht und manchmal erst ergründen muss. Es ist wie ein Versteckspiel und Pynchon ist darin ein Meister! Er unterhält den Leser und fordert ihn gleichzeitig heraus, ohne ihn zu überfordern.

Wie blind waren wir?

Auch wenn der Inhalt Fiktion ist, kommt man nicht umhin, sich einige Fragen zum politischen Geschehen zu stellen: Haben wir wirklich so viel von dem verpasst, das vor 9/11 stattfand? Aus der Retrospektive ist es schon so, als wäre der mörderische Anschlag auf die Zwillingstürme tatsächlich eine Art Erweckung gewesen: Wir zuvor im Dornröschenschlaf und jetzt auf dem besten Weg in eine Überwachungsgesellschaft. Pynchon nimmt uns jetzt mit in die damalige Gegenwart.

Die zweite Geschichte

Das wäre die eine Geschichte, die er erzählt. Dann wäre da noch die konkrete Handlung rund um Maxine Tarnow, die jüdische Mutter zweier Kinder, einem Ex-Ehemann und vielerei bunter Bekanntschaften. Letztere treiben sich gerne im Deep Web um – quasi in einem zweiten, digitalen Leben, in dem dich kaum einer finden kann. Das nutzt auch die Software DeepArcher, die Maxines Bekannte gerade entwickeln. Aktuell ist das Programm noch eine Bleeding Edge – ohne konkreten Nutzen.  Mit Gesetzesdetails nimmt Maxine es nicht immer so ganz genau. Grundsätzlich findet sie aber, sie sei immer zu nett zu allen. Dann aber tastet sie sich immer näher an hashslingerz heran, ihr Schwager ist terrorverdächtig und ein super irritierender vielleicht-Agent will sie ausquetschen.

Remember, remember …

Man geht jeden Schritt mit Maxine auf ihrer Suche nach etwas Auffälligem. Eigentlich ist sie ja nur an ein bisschen Wirtschaftskriminalität interessiert, gerät aber schnell in das undurchsichtige Dickicht, das große und kleine Konzerne international bespielen. In der Zwischenzeit rückt der September immer näher und jeder weiß, was passieren wird … und trotzdem bleibt es tierisch spannend! Und nicht nur das: Man lernt hier tatsächlich etwas. Pynchon streut extrem viel Wissen in seine Bücher, ohne dass sie belehrend wirken. Nicht ohne Grund zählt er zu den Autoren, die die moderne Literatur vehement geprägt haben. Ein Pynchon im Regal ist ein absolutes Muss für jeden Buchliebhaber.


Bettina Riedel (academicworld.net)

Thomas Pynchon. Bleeding Edge.
Rowohlt. 29,95 Euro.

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