Heilig und Schein

Es gibt Dinge, die tut man nicht. Auf diesen Satz von letzter Woche habe ich einige Zuschriften bekommen. Die Frage war: Warum schaffen wir es nicht, obwohl wir irgendwie wissen, wann wir schuldig werden, wann wir die Grenze von der kleinen Mogelei zum wirklichen Verrat und Betrug überschreiten, uns besser zu verhalten?! Längst ahnen viele von uns, dass wenn es ein politisches System wie im Dritten Reich wieder gäbe, dass wohl viele Menschen heute genauso schuldig würden, wie damals.

Von Katharina Ohana, Psychologische Beraterin, Bestsellerautorin und academicworld-Expertin

Ich hatte eine Tante, Jahrgang 1924, die zwei deutsche Diktaturen erlebt hat. Sie glaubte nach diesen Erfahrungen, dass es, in egal welcher Gesellschaft, egal welchem politischem System immer 5% der Menschen gäbe, die aktiv versuchen würden ihren Vorteil für sich heraus zu schlagen, 5% der Menschen, die aktiv gegen das Unrecht kämpfen und die anderen 90% wären Mitläufer.

In unserer Gesellschaft ist jemand, der seine Steuererklärung optimiert wohl ein Mitläufer, jemand der die Ungerechtigkeit des Steuersystems politisch aktiv bekämpft, ein Kämpfer im Sinne des Guten, und Ulli Hoeneß und Klaus Zumwinkel sind Menschen, die massiv durch Betrug ihren Vorteil auf Kosten anderer durchsetzen. Wir haben zum Glück ein Rechtssystem, das zwischen Bagatelldelikten und Betrug unterscheidet und auch Wiederholungstäter größere Schuld zuspricht, als Ersttätern. Ein Sozialamtsbetrug, wie ich ihn letzte Woche beschrieben habe, der rein aus Gier und nicht aus Not geschieht (und das auch noch von einer Rechtanwältin), kann in unserem Rechtsystem differenziert in seiner Schuldschwere erfasst werden. Doch er untergräbt darüber hinaus die Moral aller Steuerzahler, die für den Sozialstaat ihren Anteil aufbringen – und das ist der weit größere Schaden (vergleichbar mit dem Fall des Bischof von Limburg, der gerade klar macht, dass alle Steuerzahler – jenseits der Kirchensteuer – für einen Verein aufkommen, der Nächstenliebe und Armut predigt und Kinder missbraucht, die Täter schützt, selbstherrlich erster Klasse in Slums fliegt und im Luxus residiert. Auch hier ist der Schaden an der „Moral der Truppe“ wohl am größten).

Aber was ist mit den privaten, nicht rechtskräftigen Delikten, wie sexueller Betrug in der Partnerschaft, Verrat an den eigenen Kindern durch unreifes, neurotisch-narzisstische Selbstsucht? Auch hier machen Menschen Dinge, weil sie es können. Sie sind mit Menschen zusammen, die sie vielleicht nicht mehr lieben oder sie suchen nach mehr Bestätigung in der Liebe – doch sie ziehen nicht die reife Konsequenz und trennen sich oder arbeiten an ihren Anteilen. Lieber übertreten sie die moralischen Grenzen, verdrängen ihre Schuldgefühle, weil die Sehnsucht nach dem eigenen  Vorteil, dem guten Gefühl  auf einfachem Weg stärker ist. Allen Menschen, die die Moral bei Seite schieben, um sich selbst mit ihren Bedürfnissen in den Mittelpunkt ihrer Handlungen zu setzen, ist eines gemein: Ein schwaches Selbstwertgefühl, ein (oft vor sich selbst verstecktes) schwaches Selbstbild, dass die „kriminelle“ Energie erzeugt, den eigenen Egoismus vorne an zu stellen und das Leid der Geschädigten zu verdrängen. Das war im dritten Reich schon so, ist jetzt bei Sozialamts- und Ehebetrügern nicht anders und reicht bis zu Herr Hoeneß, Herr Zumwinkel und Tebazt van Elst.

Moralisches Verhalte und ein schwaches Selbstwertgefühl schließen sich gegenseitig aus. Man könnte das als psychologische Formel deklarieren. Denn Eigenverantwortung ist immer gleich zu setzen mit einem starken, gesunden Selbstwertgefühl, einem „Ich nicht!“, wenn man sich zwischen Richtig und Falsch entscheiden muss. Menschen behaupten oft, sie wären überrollt worden von einer Verführung, doch letztlich sind sie überrollt worden von der Sehnsucht, sich von äußeren Dingen (Geld, Sexualpartnern, Erfolgselementen) das eigene Ich aufpolieren zu lassen. Sie finden tausend Ausreden und Selbst-Entschuldigungen dafür – und dahinter wird eigentlich nur ihr Wissen um die eigene Schuld und Schwäche deutlich. Jeder hat das in größeren und kleineren Fällen schon mal bei sich selbst erlebt und sieht es deutlich bei anderen.

Und das ist der entscheidende Punkt: „Wer ewig strebend sich bemüht, den können wir erlösen“, singen die Engel am Ende von Goethes Faust. Er hat betrogen, gelogen und Gretchens Leben zerstört. Doch er hat am Ende die Verantwortung dafür übernommen. Heute würde man ihm eine Therapie empfehlen, gegen seine narzisstischen Probleme, denn die Angst vor der Hölle lockt kaum mehr jemanden in die Eigenverantwortung und ins Schuldeingeständnis (nicht mal mehr den Bischof von Limburg). Denn die Einsicht und das offene Eingeständnis – sich selbst gegenüber – für die eigene Schuld, ist nur der erste Schritt, dem Handlungen folgen müssen. In unserer modernen Gesellschaft bedeutet das, die Aufarbeitung der Sehnsuchtsmuster und die Veränderung unseres schwachen Selbstwertgefühls. Die eigene Selbstsucht zu entschuldigen, weil „die da oben“ oder andere Menschen es ja auch tun, ist keine Lösung, sondern eine selbstgerechte Ausrede.

Und umgekehrt ist eine eigene Moral in einem Umfeld moralischer Degradation, das Höchste was wir Menschen leisten können (ich betrüge meinen Partner nicht, auch wenn die Beziehung schlecht läuft; ich beute meinen Mann bei einer Scheidung nicht bis auf Blut aus; ich bin meinen Kindern ein echtes, kein hingemogeltes Vorbild; ich treibe meine Kinder nicht zum Erfolg, damit ich mein unzufriedenes Leben rechtfertige; ich halte mich an meinen Kindern nicht fest, weil ich selbst versorgt werden will; ich versuche nicht ständig meinen finanziellen Vorteil durchzusetzen; ich übernehme die Verantwortung, wenn mich die Gier getrieben hat;… Jeder kann für sich diese Liste aus seiner Erfahrung und der seines Umfeldes verlängern.) Sicher schaffen es nur einige Menschen die höchste Form der Eigenverantwortung zu erreichen. Aber wo kommen wir hin, wenn wir intelligenten Menschen uns nicht wenigstens versuchen danach auszurichten und den eigenen Schwächen und Selbstlügen auf den Grund zu gehen. Ich möchte den Glauben an die Willensfreiheit des Menschen nicht aufgeben.


Stand Oktober 2013

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