„Headhunters“: Survivalkurs für Kapitalisten

Seit einigen Jahren erobern skandinavische Krimis die Buchhandlungen, jetzt stürmen sie auch auf die Leinwand. „Headhunters“, die Verfilmung eines Romans von Jo Nesbø, ist das aktuellste Beispiel und ab 15.3. in den deutschen Kinos zu sehen.

Headhunters

Produktmanagement

Roger Brown (weltmännisch routiniert: Aksel Hennie), Typ: blondes Männchen, führt ein schickes Dasein mit gut bezahltem Headhunter-Job, Villa in Oslo und toller Ehefrau (sympathisch: Synnøve Macody Lund), Typ: blondes Model. Die Sache hat nur einen Haken: Um seinen teuren Lebensstil zu finanzieren, stiehlt Roger mit Hilfe eines Komplizen gelegentlich Kunstwerke aus Privatwohnungen. Weil eine solche geheime Doppelexistenz auf Dauer allerdings zu viele Risiken birgt, wartet er auf die Chance für den einen großen, den letzten Coup. Diese erscheint in Gestalt des dänischen Geschäftsmannes Clas Greve (abgebrüht: Nikolaj Coster-Waldau), Typ: dunkelblonder Macho. Als Erbe eines bisher verschollen geglaubten Rubens-Gemäldes erweist er sich als perfektes Zielobjekt für Rogers Diebestouren. Zu perfekt, denn Clas schlägt unerwartet zurück, und Roger findet sich wieder in einer existenziellen Jobkrise mit hohem Nachbesserungsbedarf. Kurz, er wird Opfer einer großangelegten Wirtschaftsintrige und muß buchstäblich ums nackte Überleben kämpfen.

Ohnehin war er fast zu schön, dieser hyperlässige Rausch aus Geld, Macht und Verbrechen, in dem es sich Roger wie im Auge des Sturms bequem gemacht hatte. Wie sein selbstironischer Voice-over-Kommentar bestätigt, weiß er das auch. Aber mal ehrlich: Wer grübelt schon über die Zukunft, solange es ihm (unverschämt) gut geht? In Zeiten des flott vor sich hergetragenen Egoismus` käme das doch dem Eingestehen von Schwäche gleich. „Machen und nehmen“ lautet die Maxime; „nachdenken und geben“ ist was für erfolglose Nichtskönner. Nur dumm, daß andere ebenfalls so denken…


Standardmaßnahmen

Rogers Leben ist ausgesprochen schmuck, sein harter Absturz wiederum derart plötzlich, daß man als Zuschauer latent zu zweifeln beginnt. Businesstauglich formuliert: Soviel Kernkompetenz in Smartness kann doch nicht einfach in einer wilden Flucht durch die Wälder Norwegens mit suboptimalem Ertragswinkel enden. Steckt vielleicht nur ein gewaltiger Fake hinter all den Schwierigkeiten? Regisseur Morten Tyldums rasante Inszenierung setzt passenderweise auf sarkastische Untertöne, die der zwar wendungsreichen, im Prinzip aber recht konventionellen Thriller-Story eine interessante Doppelbödigkeit verleihen und schreckt auch vor bissigem, teils tiefschwarzem Humor nicht zurück. Wenn sich Roger im ländlichen Plumpsklo vor einem Killer versteckt, dann steht ihm, nun ja, der Ärger buchstäblich bis über beide Ohren. Realität als Groteske.

Spätestens jedoch, als Roger nur dank zweier „schwergewichtiger Airbags“ einen verheerenden Autocrash überlebt, tritt Gewißheit ein. Hier wird nicht mit Leben gespielt, hier wird das Humankapital geopfert. Roger ist zum Punchingball jener entfesselten Kräfte geworden, die er als Headhunter mit Hingabe befeuerte: der unheilvollen Wucht des Global Player-Turbokapitalismus. Vor dem Hintergrund einer auf hemmungslose Ertragssteigerung drängenden Ökonomie zählt so ein Menschenleben wie Rogers nichts, nur er hält eben stur daran fest. Wenn es sein muß auch unter Zuhilfenahme einer fremden Identität, akzentuiert in dieser packend physischen Szene, als Roger nach dem Unfall unter den Toten herumirrt, Kleidung zusammensucht, sich im Fluß wäscht und weinend die Haare rasiert. Es ist eine verzweifelte Anstrengung, in die Haut eines anderen zu schlüpfen.

Mr. und Mrs. Brown (Aksel Hennie und Synnøve Macody Lund)

Gewinnmaximierung

„Headhunters“ besticht durch gekonnte Effizienz. Die Regie hält sich gar nicht erst mit narrativen oder ästhetischen Kapriolen auf, sondern verfolgt das Prinzip funktionaler Geradlinigkeit zum Zwecke fesselnder Unterhaltung. Die Spannung wird konsequent hochgehalten, die Action ist brutal direkt, der Soundtrack treibend, die Bilder sind von unmittelbarer Klarheit. Ohnehin paßt das helle Licht perfekt zu einer Wirtschaftswelt der kühlen Oberflächen, unter deren merkantilen Strukturen die Gier ihr haltlos vulgäres Regiment führt. Einmal erklärt Roger einem neuen Klienten, wie man sich in diesem Arbeitsumfeld Renommee erwirbt – weniger mit Können, stattdessen mit kluger Strategie. Übung macht den Meister? Vergiß es. Wirkung macht den Manager!

Mit seinem eigenen, geschickt verwalteten Ruf ist es freilich vorbei, nachdem Roger vom Zeremonienmeister beim Schachspiel der Personalvermittlung zum Bauernopfer eines Großkonzerns degradiert wurde. Am Boden der Tatsachen aufgeschlagen besinnt er sich dann doch auf ein paar andere Werte, zwischenmenschliche etwa. Kein Grund, diese herrlich ambivalente Figur gleich an die bürgerliche Moral zu verraten. Ein bißchen Selbstgefälligkeit sei ihm zugestanden, gewissermaßen zur Existenzoptimierung.

von Nathalie Mispagel, Kinoexpertin auf academicworld.net

 

Headhunters

Regie: Morten Tyldum
Darsteller: Aksel Hennie, Nikolaj Coster-Waldau, Synnøve Macody Lund u.a.
Im Verleih von NFP marketing & distribution* und drei-freunde Filmverleih im Vertrieb von Warner Bros.

Kinostart: 15. März 2012

 

 

 

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