Harry Potter und der Papst

Dass das Leben etwas Sinnvolles ist und jeder von uns etwas Einzigartiges, ist wohl die größte Selbsttäuschung der Menschen. Und trotzdem scheinen wir es nicht zu ertragen, dass wir so unwichtig und sterblich sind. Wir harry-pottern uns zu Zauberern oder twilighten uns zu unsterblichen Vampiren.

Wer glaubt, dies sei ein Auswuchs der Moderne, der irrt. Der christliche Glauben geht auch nur vom Erhalt der unsterblichen Seele im Jenseits aus, einer fortbestehenden Persönlichkeit im Paradies ohne Schmerz und Tod und mit übersinnlicher Kraft. Für diesen Aberwitz mit Orientierungsanspruch werden nach wie vor Städte lahm gelegt, Millionen ausgegeben, wie unlängst in Erfurt.

Und alte Damen stehen mit verzücktem Blick mindestens so ergriffen am Rande des roten Teppichs, an dem auch die Twilight Stars entlangflanieren könnten, hinein in den Cinematempel zum Event der Verklärung. Es macht keinen Unterschied. Wir ertragen unsere Gewöhnlichkeit auf Dauer nicht. Es scheint ein Teil unserer Menschlichen Natur zu sein, dem Zauber des Übersinnlichen nur zu gerne zu erliegen.

Nur dass die Kirche weit mehr Morde und Leid in ihrer so betonten Kulturgeschichte zu verzeichnen hat, als der Harry-Potter-Kult. Und dass die Kirche Anteile an Verlagen hält (z.B. Weltbild), die Pornographiebücher herausbringen. Dagegen weiß wohl jeder Zuschauer, dass er zur Kasse gebeten wird, um anderen (Produzenten, Buchautoren, Darstellern) wiederum ihren Glauben zu ermöglichen: Den Glauben an ein besseres Leben durch finanziellen Erfolg, die Möglichkeit die eigene Bedeutung zu erheben im Rausch des Geldes. Aber manchmal versetzt der Glaube ja auch Berge.

Und der höchste Berg ist sicher: Ein sinnloses Leben in ein sinnvolles zu verwandeln – wider alle Vernunft und trotz aller Bigotterie.

Katharina Ohana moderiert als Psychologin und Philosophin für verschiedene Fernsehsendungen. Ihr neues Buch „Gestatten: Ich – Die Entdeckung des Selbstbewusstseins“ ist beim Gütersloher Verlagshaus erschienen und erklärt die Entstehung unserer Persönlichkeit und unserer Probleme – und wie wir sie loswerden können.

Mehr von ihr gibt es auf  KatharinaOhana.de

Stand November 2011
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