Habt Mitleid. Statt Aufschrei.

Rainer Brüderle ist 67 Jahre alt. Er meint einer 29 Jährigen Journalistin etwas „nettes“ zu sagen, indem er ihre Oberweite für ein Dirndl qualifiziert.

Katharina Ohana, Psychologische Beraterin, Bestsellerautorin und academicworld-Expertin

Sein Parteikollege Kubicki (61) meint ihm zur Seite springen zu können, indem er zugibt,  in seiner politischen Karriere „selbstverständlich“ auch schon Frauen angebaggert zu haben: „Aber immer in charmanter Art.“

Ich finde das nicht sexistisch. Ich finde es vielmehr mitleidserregend. 

Und deshalb ruf ich all meinen Geschlechtsgenossinnen dazu auf: Habt Mitleid!

Seit dem ich eine geschlechtsreife Frau bin, erzählen mir Männer ungefragt von ihren „wilden Jahren“, von Zeiten „in denen sie nichts haben anbrennen lassen“ und jeder Mann muss darauf bestehen, dass er ja mal „ein ganz Schlimmer war“. 

Nach der Emanzipation der Frauen, hat sich ein einziges neues Feld der Männlichkeit herausgebildet, heimlich still und leise und sicher nicht im Sinne der Emanzipation: Das Feld der sexuellen Eroberung. Denn eigentlich wurden ja nicht nur wir Frauen sexuell befreit, sondern besonders auch die Männer. Denn die sexuelle Befreiung der Frau hat den Männern ja die Möglichkeit verschafft, über viele sexuelle Abenteuer einen neuen männlichen Status zu etablieren: Den sexuell erfolgreichen Mann. Nach der Erfindung moderner Verhütungsmittel und ohne eine geltende sexuelle Moral scheint es zur männlichen Pflicht geworden zu sein, die eigene Potenz – bis ins Alter bzw. um dieses zu verleugnen, besonders vor sich selbst – unter Beweis zu stellen, vor anderen Männern und sich selbst (denn Frauen interessiert es herzlich wenig, wie viel sexuelle Eroberungen ein Mann hatte).

Männer haben es ja viel schwerer Männer zu werden: Sie haben den größeren Bruch zur Kindheit, müssen sich in der Pubertät völlig neu erfinden (siehe auch Blog von letzter Woche), stark sein, überlegen sein, Sieger sein, cool sein, denn gleichzeitig übernehmen ihre Hormone noch mehr die Regie, als bei den Mädchen. Mühsam versuchen sie „Herr im eigenen Haus“ zu werden. Wer je auf die Idee kam, den Männern die „größere Vernunft“ zuzuordnen, wollte wahrscheinlich damit auch nur die größere biologische Fremdbestimmung der Männer vertuschen: Sex und Aggression gehen ständig durch mit den Männern, etwas Alkohol (ein paar Viertel Wein, wie bei Herrn Brüderle) und schon verlieren sie die Kontrolle, bringen sich um Kopf und Karriere. Und seit der Emanzipation wissen sie nun überhabt nicht mehr wer oder was sie sein sollen, was gute oder schlechte Männlichkeit ist, was nun männlicher Charme sein soll und wann es angebracht ist männlich offensiv zu sein. 

Es war abzusehen, dass wir Frauen uns mit unseren Qualitäten durchsetzen werden in einer modernen, globalen Welt, die genau diese Qualitäten braucht, weil sie an die Grenzen des offensiven Wachstums gestoßen ist. Selbst ein paar Widerstände, ein lächerlicher Herr Putin oder altbackene Tee Party Anhänger, Vorstandbündeleien und dämliche Machosprüche werden daran nichts mehr ändern. Es war wichtig für uns Frauen gegen Sexismus, Unterdrückung und Benachteiligung anzutreten. Aber gegen Altherrenwitze (sie werden von alleine aussterben und wir Frauen, die wir noch im „angrabewürdigen“ Alter sind werden es alle noch erleben) und unbelehrbare Hanswürstchen hilft ein müdes Lächeln mehr, als ein Aufschrei. Denn den haben wir eigentlich nicht mehr nötig.

Und leider werden mit solch einem „Aufschrei“ auch all die netten, vorsichtigen, schüchternen Männer verschreckt, die uns so gefallen und deren Charme wir uns sehr gerne gefallen lassen. Sexismus nervt einfach nur. Aber bedrohlich ist er lange nicht mehr. Er blamiert nur den, der ihn von sich gibt. Er zeigt nur einen schwachen Charakter, der sich vom äußeren Umfeld, der eigenen Macht und angeblichen Wichtigkeit, korrumpieren lässt. Das böse Erwachen für solche Charaktere kommt immer, wenn nicht vor irgendeinem Untersuchungsausschuss, dann in der Rente.

Zum Schluss noch eine persönliche Geschichte dazu: Ich saß vor einiger Zeit mit unserem jetzigen Bundespräsidenten Herrn Gauck in einer Talkshow- Runde zum Thema „Glück“, als Quotenfrau unter lauter Männern. Nach der Sendung bemühte sich der „hohe Herr“ um meine Visitenkarte. Ich habe auf den etwa zwei Köpfe kleineren, alten Mann herunter geschaut und milde gelächelt.

Von Katharina Ohana, Psychologische Beraterin, Bestsellerautorin und academicworld-Expertin

Von Katharina Ohana, Psychologische Beraterin, Bestsellerautorin und academicworld-Expertin

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