Gumroad: Social Media trifft E-Commerce

Konzentriere dich darauf, das zu machen, was du gut kannst. Egal, ob Software, Musik, Texte, Fotos oder Kleidung. Und wir kümmern uns darum, dass du damit Geld verdienst. Das ist das Prinzip von Gumroad.com.

von David Lins

Erschaffen, teilen, verdienen: Gumroad.com

Das Internet als Marktplatz für Digitales oder Reales  – wie gut dies funktioniert, sieht man am besten an den Web-Urgesteinen Amazon oder eBay, die im Gegensatz zu anderen E-Pionieren wie Yahoo oder AOL glänzend dastehen.

2011 gab es allein in Deutschland über 500 Umsatzmillionäre bei eBay. Die Anzahl der User, die sich über private oder gewerbliche Verkäufe noch ein Zubrot sichern, wird vermutlich weiter steigen. Momentan sind rund 21 Millionen Deutsche als Käufer oder Verkäufer aktiv. Demgegenüber stehen 22,1 Millionen aktive Facebook-User in Deutschland. Weltweit betrachtet stellt sich die Situation in nahezu allen Industrienationen in etwa gleich dar. Der Mann, der diese beiden mehr oder weniger identitätsgleichen Gruppen unter einen Hut bringen möchte, heißt Sahil Lavingia und ist 19 Jahre alt.

E-Commerce, ein erfolgreiches und nachhaltiges Onlinekonzept.

Trotz seines Alters ist der gebürtige Inder kein unbeschriebenes Blatt im Web-Business. Bereits als 14-Jähriger übernahm er für 400 Dollar eine Video-Streaming-Seite, die er nach seinen Vorstellungen umdesignte und wenig später für 10.000 Dollar wieder verkaufte.

Bekanntheit erlangte er jedoch als Chefdesigner bei pinterest.com. In Deutschland erst noch im Kommen, hat es die Seite bereits im vergangenen Jahr im Ranking des Time Magazine unter die 50 besten Webseiten geschafft. Das Prinzip der Seite ist simpel, Nutzer teilen Bilder von Dingen, die sie interessieren, auf ihrer Pinnwand. Pin plus interest gleich pinterest. Auf den Punkt gebracht: Es geht um schöne Bilder, die Gefühle auslösen. Das klingt vielleicht nicht spektakulär, aber trifft in Visualität und Originalität genau die Geschmackszentrale der User und macht Pinterest mit mittlerweile rund zehn Millionen aktiven Nutzern zu einer der meistbesuchten Seiten der USA. Eine Ge- schäftsidee, eine direkte Kommerzialisierung ist übrigens nicht zu erkennen. Es gibt keine Links zu Online-Shops, wo man gezeigte Dinge eventuell kaufen kann, es gibt keine gesponserten Bilder, es gibt keine Bannerwerbung. Das macht durchaus einen Teil des Charmes aus, aber lässt die Antwort auf die Frage nach der Vision offen.

Sahil Lavingia war Chefdesigner der “Hype-Seite” pinterest.com

Warum Pinterest-Chefdesigner Sahil Lavingia letztendlich ausstieg – darüber kann man nur spekulieren. Allerdings war es kein Ausstieg ins Ungewisse, von Investoren bekam er 1,1 Millionen Dollar  Startkapital für sein eigenes Social-Commerce-Start-up: Gumroad. Gumroad.com setzt da an, wo Pinterest aufhörte. Es geht wieder um schöne Dinge, um selbstgemachte Dinge. „Sie konzentrieren sich auf das Erstellen großartiger Inhalte. Wir übernehmen den Rest”, heißt es kurz und präzise in der Selbstbeschreibeung. Gumroad will das Verkaufen realer Waren, aber in erster Linie digitaler Inhalte über das Internet schnell und unkompliziert machen. Statt ihre Zeit auf einem Online-Marktplatz zu verbringen oder einen eigenen Online-Shop am Laufen zu halten, sollen die Gumroad-Nutzer unproblematisch ihre zumeist ohnehin vorhandenen sozialen Kanäle nutzen. Zunächst stellt der kreative User seine digitalen Produkte wie E-Books, Musik, Grafiken, Videos und Software bei Gumroad online. Anschließend erhält er einen Link für jedes eingestellte Produkt, mit dem man seine Fans und Follower bei Facebook und Twitter versorgen kann – also genau die Menschen, die sein Schaffen schätzen und verfolgen.

Das ist Marketing ohne Streuverluste und E-Commerce ohne Online-Shop, ein ebenso einfacher wie genialer Gedanke, der natürlich auch für Unternehmen hochinteressant ist. Lavingia war auf die Idee gekommen, als er für ein Webprojekt ein Bleistiftsymbol gestaltete, was ihn vier Stunden Arbeit kostete. Am Ende hatte er zwar das perfekte Bleistiftsymbol, aber seinen ganzen Freitagabend verloren. So überlegte er, sich diesen Verlust durch den Weiterverkauf der Datei etwas zu versüßen. „Es stellt sich heraus, das war ziemlich hart”, so Lavingia. „Traditionell gibt es zwei Möglichkeiten, etwas online zu verkaufen. Das Marktplatz-Modell, quasi die Online-Entsprechung des Megastores mit lauter kleinen Geschäften. Das machte keinen Sinn für das, was ich verkaufen wollte, und die Gebühren sind in der Regel ziemlich hoch. Und dann gibt es die persönliche Webseite. Das machte mehr Sinn! Also versuchte ich es. Ich verbrachte viele Stunden damit, herauszufinden, wie ich das umsetzen kann. Eine einfache HTML-Seite, eine andere Seite mit dem Downloadlink, dazu noch für Sicherheit sorgen und das mit PayPal regeln. Am Ende gab ich auf. Stellen Sie sich meine Mutter vor, wie sie versucht, etwas online zu verkaufen! Ja, viel Glück.Warum ist der Verkauf so schwer? Teilen ist so einfach!”

Gumroad macht Social Networks zu Marktplätzen, Fans und Follower zu Kunden

Mit diesem Grundgedanken im Hinterkopf begann er im April 2011 mit der Entwicklung von Gumroad. Kein Jahr später können bereits hierzulande Kreative ihre Waren auf der deutschsprachigen Seite einstellen. Das Einzige, was man dabei noch tun muss, um zu verkaufen, ist teilen und den Preis festlegen. Einrichtungsgebühren oder monatliche Gebüh- ren gibt es übrigens nicht, die Finanzierung läuft über ein Provisionsmodell. Aktuell fließen fünf Prozent des Verkaufs- preises plus 0,25 Euro als Pauschale für jede Transaktion an die Plattform.

Gumroad –  das „next big thing”? Falls hier eine neue Erfolgsgeschichte erzählt werden wird, hat Lavingia, der sein Studium der Computerwissenschaft früh abbrach, eine schöne Einleitung dazu: „Es gibt eine Anekdote über Google, die ich sehr mag. Larry Page und Sergey Brin hatten während des Studiums die Idee, die Struktur des Web mit Links zu indizieren. Sie sprachen einen ihrer Professoren an: Wir denken, das bekommt man in einigen Wochen hin. Was denken Sie? Der Professor, viel erfahrener als sie, dachte, es sei komplett unmöglich, aber nahm ihnen nicht den Mut. Gut, es dauerte dann länger als ein paar Wochen, aber sie haben es geschafft. Vielleicht muss man manchmal unerfahren und unwissend sein, um erfolgreich sein zu können“.

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