Gothic Romance trifft Politik

Am 19. Mai jährte sich der Todestag von Nathaniel Ha(w)thorne – Zeit, sich seine Werke noch einmal zu Gemüte zu führen. Dabei hat „Das Haus mit den sieben Giebeln“ bis zum heutigen Tage kaum etwas an Aktualität eingebüßt.

Einst erlangte Oberst Pyncheon unter anrüchigen Vorgehen das Land von Matthew Maule – der dafür sein Leben lassen musste und die Familie des Oberst verfluchte. Über 160 Jahre später steht es nicht besonders gut um die Familie: die alte Jungfer Hepzibah ist verarmt und ihr Bruder Clifford kommt nach 30 Jahren im Gefängnis nun endlich wieder in die Freiheit. Beide schotten sich von der Außenwelt ab und würden ein äußerst klägliches Leben führen, würde nicht plötzlich Phoebe, entfernte Verwandte aus Neuengland, auftauchen.

Jugendliche Frische

Sie bringt wieder etwas Esprit und Lebensfreude in das Anwesen mit den sieben Giebeln. Diesem Wandel kann sich auch Mr. Holgrave nicht entziehen, der Student, der in einem der Giebel zur Untermiete wohnt. Was keiner der Pyncheons ahnt – Holgrave ist der letzte Nachfahre Matthew Maules. Dann wäre da noch der Richter Pyncheon, ebenfalls ein entfernter Verwandter. Er sieht dem alten Oberst zum Verwechseln ähnlich und hat auch dessen skrupellose Ader geerbt. Nun will er sich auch das Haus mit den sieben Giebeln unter die Nägel reißen. Steht das jahrhundertelange Drama der Pyncheons vor seinem Finale?

Zum Buch

Bei Nathaniel Hawthorne geht es weniger um die erzählte Handlung an sich als das, wofür sie steht. Trotzdem wird der Leser von den Schicksalen der einzelnen Charaktere fasziniert und erwartet mit Spannung den Ausgang des Dramas. Gibt es den Fluch, worauf will Holgrave hinaus, wer wird sterben und was passiert mit dem Haus und seinen sieben Giebeln?

Über den Autor und seine ‚Kategorie‘ ist sich die Welt teilweise noch strittig: Dunkle Romantik oder gothic fiction? Genauso, wie man hier für und wider diskutieren kann, gibt es gleichfalls viele Interpretationen der Handlung. Altes Europa gegen neues Amerika, altenglische Puritaner gegen die Neuerungen des Lebens, … Das Schöne aber ist, dass jeder Leser seine eigene Interpretation vom Stapel lassen kann. Denn die Positionen der Charaktere lassen sich wunderbar auf heutige Zeiten anwenden.

Neben dem großen Konflikt zwischen alt und neu fallen dem Leser immer wieder Textpassagen wie Perlen in die Hände. Beispielsweise, wenn Hawthorne sich über Massenpsychologie auslässt und man sich fragt, ob ein gewisse Herr Freud die ersten Seiten seines Werks „Massenpsychologie und Ich-Analyse“ aus dem Jahr 1921 dem Hawthorne-Roman aus dem Jahr 1851 entnommen hat.

Noch so ein kleiner Faszinationsfaktor ist, dass die Handlung eine Vermischung verschiedener Stile und Genre darstellt. Etwas Drama, etwas Liebe, etwas Fantasy, etwas historisch, zwischendrin werden die Leser angesprochen, Tipps zur Lebensführung gegeben und Exkurse in thematisch ganz andere Richtungen gegeben. Politik beispielsweise.

Es macht einfach Spaß, das Buch zu lesen. Dass es aus dem vorletzten Jahrhundert stammt, würde man auch nicht zwangsläufig merken. Das Ganze wird dann noch gespickt mit trockenem Humor und einer ordentlichen Portion Zynismus garniert. Ha(w)thorne zeigt, dass hochwertige Literatur eindeutig weder langweilig sein noch sich knöchern lesen lassen muss.

In der vorliegenden Ausgabe von Manesse in der besonderen Stoffbindung für hochwertige Haptik und der perfekten Größe für jede Handtasche.

Bettina Riedel (academicworld.net)

Nathaniel Hawthorne. Das Haus mit den sieben Giebeln.
Manesse. 24,99 Euro.

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