„Glücksformeln“: Auf gut Glück

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Sind Sie glücklich? Falls ja, haben Sie hoffentlich eine plausible Erklärung parat. Seit es die moderne Glücksforschung gibt, ist dieses Gefühl zu einem Phänomen von hoher Komplexität geworden. Da kann man nicht mehr grundlos glücklich sein! Oder sind Sie etwa unglücklich? In diesem Fall sollten Sie Ihre Antwort noch genauer abwägen, denn weil man inzwischen die Bedingungen des Glücks mehr oder weniger zu kennen glaubt, gilt es beinahe als Affront, sich diesen Erkenntnissen zu entziehen. Man braucht schon eine verdammt gute Ausrede, um sich heutzutage als Unglücklicher zu outen.

Wer lebt, sucht – zumeist nach seinem persönlichen Glück. Schon immer hat diese Suche des Menschen Phantasie beschäftigt, freilich kaum in dem Maße wie die westliche Gesellschaft des ausgehenden 20. bzw. beginnenden 21. Jahrhunderts. Längst ist „Glück“ in den Medien, der Wissenschaft, Wirtschaft oder im Entertainment zu einem populären Thema avanciert. Vorbei jene dunkel-romantischen Zeiten, als einen die Daseinsbetrachtung noch in tiefe Melancholie stürzen durfte und Weltschmerz als existenzielle Emotion anerkannt wurde. Heute ist „Glück“ zur Pflichtübung geworden, zum international diskutierten Faktum, dessen Bedingungs- und Wirkungsfaktoren minutiös ergründet werden. Passgenau in diesen Trend fügt sich die deutsche Dokumentation „Glücksformeln“ ein.

Nun ist Glück ja ein rein immateriell-emotionaler Zustand, was die Frage aufwirft, wie man ihm leinwandtauglich auf den „geistigen Leib“ rückt. Für ihren ersten Kinofilm hat Regisseurin Larissa Trüby den Klassiker der „talking heads“ bemüht und eine illustre Auswahl an Experten der Glücksforschung vor die Kamera geholt. Empirische Abrundung wiederum erhofft sie sich von Kurzportraits diverser Privatpersonen, die sich zu Leben, Zielen sowie Empfindungen äußern und die ausschnitthaft in ihren Milieus oder bei ihren Tätigkeiten gezeigt werden.

Akademische Glückskeks-Erkenntnisse

Durch die Vielzahl der Protagonisten wird der Eindruck erweckt, ein Zugang zum Phänomen „Glück“ müsse, ja könne nur aus der Multiperspektive erschlossen werden. Demgegenüber stehen die um Objektivität und Verallgemeinerung bemühten, klarsichtigen Aussagen der Glücksforscher, etwa die des amerikanischen Psychologen und Autors Prof. Dr. Ed Diener, in Fachkreisen als „Dr. Happiness“ bekannt. Rund 25 Jahre Erfahrung sprechen aus seiner prägnanten Eloquenz, wobei freilich auffällt, daß manche Erkenntnis recht banal wirkt und sich als akademische Variante klassischer Glückskeks-Weisheiten entpuppt. Bloß weil es jetzt als wissenschaftlich gesichert gilt, wird es niemanden erstaunen, daß die Ausübung und Vervollkommnung von persönlichen Fähigkeiten oder Talenten glücklich machen kann. Ähnlich aufregend fallen auch die Feststellungen anderer Glücks-Wissenschaftler aus. Passend hierzu scheint selbst die Kamera zu zweifeln, wie sie Glück visuell einfangen soll und verliert sich immer wieder in Naturtableaus. Mit Bildern von Meer, Fluß, Himmel, Wald, untermalt von Lounge-Musik, kann man eben wenig falsch machen.

Solch fehlendes Überraschungsmoment von „Glücksformeln“ beruht einerseits darauf, daß alle echten Wahrheiten – und nicht nur die über das Glück – einfach sind. Andererseits erschließt der Film nur bedingt die praktischen Anwendungsmöglichkeiten von moderner, interdisziplinärer Glücksforschung, deren Ergebnisse etwa im Rahmen von Wirtschaftsstudien, konzerninterner Personalführung oder Beziehungstherapien verwendet werden. Inwieweit sich das als nutzbringend erweist, bleibt dahingestellt, zumal es dem einzigen präsentierten Praxisbeispiel entschieden an Überzeugungskraft mangelt. Jener „Glücksunterricht“ an einer Heidelberger Schule wirkt wie die juvenile Variante eines Coaching-Seminars.

Glücklich beim Grillen

Von Anfang an geht der Film sein Thema zu unentschlossen an, umschifft konsequent die eigentliche Frage, nämlich: Was ist Glück? Dabei wäre eine linguistische (im Deutschen kann „Glück“ vielerlei bedeuten zwischen Glücksfall und Glückseligkeit) und sozialpsychologische Definition unumgänglich. Ohne entsprechende Explikation hingegen verliert sich das hippe Schlagwort „Glück“ im Vagen. Ist Glück möglicherweise eine Umschreibung für die Suche nach dem Sinn im Leben? Müßte es statt „Glück“ nicht besser Zufriedenheit, Gelassenheit, Behagen heißen? Ist Glück vielleicht schon die Abwesenheit von Unglück? Und überhaupt: Schafft die wissenschaftliche These, daß Barbecue, gewissermaßen ein archaisches Ritual aus seligen „Jäger und Sammler“-Zeiten, glücklich macht, wirklich Erleuchtung???

Wie sehr die Meinungen über das Glück im Alltag auseinanderdriften, zeigen jene filmischen Momentaufnahmen von Lebenssituationen diverser Protagonisten. Luis (11) geht im Spiel mit seinen Freunden auf; für Leo (90) begann sein Dasein erst mit 57 1/2 Jahren, als er in den Vorruhestand gehen durfte; Janina (19) holt sich Motivation beim Laufen; Wiebke und Marc (beide 45) sehen sich seit ihrer Ausbildung zum NLP-Trainer als Gestalter ihres eigenen Universums; Martin und Gretel (beide 71) haben sich bestens auf ihrem Berghof eingerichtet. Das ist nett, aber unspektakulär, vor allem ohne repräsentative Relevanz, gehören doch die Vorgestellten einer etablierten Mittelschicht ohne soziale Ausschläge nach oben oder unten an. Selbst Phillip (34), der sich erfrischenderweise noch nicht dem gesellschaftlichen Kodex aus Karriere, Familie, Eigenheim ergeben hat, stattdessen einen Großteil seiner Zeit der Musik widmet, ist kein Renegat. Was aller Existenz an konkretem Konfliktpotential bereit hält, wird weitestgehend ausgeblendet.

Glück als Upgrade

Da das Glück an sich bzw. die dafür notwendigen Bedingungen weder hinterfragt oder kommentiert noch nachhaltig problematisiert werden, nimmt es kaum wunder, was für einen heiter-entspannten Eindruck die gesamte Glücksforschung hinterläßt. Alle wollen sie nur das Beste für den Menschen: Ob Vertreter der „Positive Psychology“, einer Disziplin der Glücksforschung, die sich im Gegensatz zur klinischen Psychologie psychisch gesunden Menschen widmet oder Neurologen, die betonen, daß Glück nicht nur genetische Veranlagung ist, sondern in Form von Optimismus dem menschlichen Gehirn gewissermaßen antrainiert werden kann. Ob Soziologen, die die „Weltkarte des Glücks“ und die „Konjunktur der Lebenszufriedenheit entlang der ökonomischen Entwicklung“ erläutern oder der smarte Professor Timothy Sharp, der das „Happiness Institute Sydney“ gegründet hat. Nur für das Unkomplizierte, Eingängige, Positive läßt Larissa Trüby Platz in ihrem glatten Film, der auch bestens als Promotion-Show für die Glücksforschung funktionieren könnte.

Traditionelle Zugänge zum Sujet „Glück“ wie Spiritualität oder Philosophie (Stichwort: Eudaimonie) werden in „Glücksformeln“ übrigens nie thematisiert, obwohl der Filmtitel nahelegt, es solle nach vielfältigen Rezepten für ein ultimatives Upgrade im Leben gesucht werden. Zweifelsohne werden einige Denkanstöße geliefert, Einsichten formuliert und Ratschläge gegeben, die man sich immer wieder einmal vor Augen führen sollte. Dies aber kaum im Rahmen einer recht seichten Dokumentation, die aufgrund thematischer Verkürzungen und Redundanzen dem Anspruch an eine hintergründige Thematisierung nicht gerecht wird und von ihrer trivialen Ästhetik her besser ins Fernsehen gehört. Immerhin hat sie mit der Glücksforschung gemeinsam, daß sie niemandem weh tut. Angesichts des geballten Glückshypes könnte sich beim Zuschauer freilich auch Argwohn regen. „Don`t worry, be happy“ – schwingt da etwa ein drohender Unterton mit?

Diese Filmkritik ist von
Nathalie Mispagel, Kinoexpertin auf academicworld

Glücksformeln
Regie: Larissa Trüby
Deutschland 2010
96 Min.Verleih: Universum
Kinostart: 14.4.2011


Stand Januar 2011
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