Gladbach wird durchgereicht. Hat man falsch eingekauft?

Die Gefühle der Gladbacher Fans nach dem 0:5 gegen Dortmund schwankten zwischen Ohnmachtsgefühlen und Fassungslosigkeit: Fassungslos war man ob des Auseinanderfallens der eigenen Mannschaft, die doch die erste halbe Stunde vor allem im Vergleich zu den nicht minder desaströsen Gesamtleistungen gegen Leverkusen und Hamburg ganz passabel agiert hatte.

Die Raute macht Sorgen

Geradezu ohnmächtig allerdings musste man sich als Borusse fühlen, wenn man sich vergegenwärtigte, wie der Ex-Spieler Marco Reus die eigene Abwehr zerlegte: Dieses Gefühl des „kaum sind wir gut, kaufen uns die reicheren Vereine die Besten weg“ gehört zur Fan-DNA ebenso wie die Raute im Herzen. 

Doch im Gegensatz zu früher, als Netzer, Bonhof und Simonsen verkauft worden sind, um den Laden am Laufen zu halten, wurde das diesmal aus den Transfers eingenommene Geld reinvestiert und annähernd 30 Millionen Euro für neue Spieler ausgegeben. Hat man gut eingekauft? Und vor allem: Ist es statthaft, diese Frage zu einem so frühen Zeitpunkt der Saison überhaupt zu stellen?

Beantwortet man diese Frage so, wie dies die Gladbacher Führung tut, liegt man nicht so weit weg von den Erwartungen: Neue Spieler brauchen Zeit, die abgegebenen Stars zeigen bei ihren neuen Vereinen, was für eine Klasse sie verkörperten, insbesondere natürlich der auch für die Führung der Mannschaft wichtige Dante und eben Superstar Reus mit seinen Toren, seinen Assists und der permanenten Gefahr, die er für jeden Gegner bedeutete. Also: Ist schwierig, das wussten wir. 

Nach den Ergebnissen liegt man nur etwas unter Plan, denn der avisierte einsteillige Tabellenplatz ist nicht unerreichbar weit weg.

Man kann die Frage aber auch anders stellen: Was an grundsätzlichem Potential muss man erwarten können, wenn ein Verein fast 30 Millionen Euro in seine Mannschaft investiert? Dass die neuen Akteure bestimmte Abläufe noch nicht so verinnerlicht haben wie ihre Vorgänger, wäre nicht überraschend. Dass sich Automatismen noch nicht in ausreichendem Maße bilden können – geschenkt. Aber in Grundzügen müsste zumindest zu erahnen sein, dass die Mannschaft mit den neuen Spielern bestückt worden ist, die sie zukünftig erfolgreich Fußball spielen lassen sollte – gerade in Mönchengladbach sind 30 Millionen Euro eine so dermaßen gigantische Summe, dass dieser Punkt geradezu zwingende Voraussetzung sein sollte. Also: Können die’s wohl, wenn sie sich mal richtig eingespielt haben?

Borussias Stürmer: zu ähnlich und zu ähnlich langsam

Letzte Saison noch musste jeder Gegner, der sehr früh ins Pressing gegen die Gladbacher ging, damit rechnen, dass über den meist von Dante sehr konstruktiv vollführten Spielaufbau der Ball beim schnellen und dribbelstarken Reus landete und dieser jederzeit in der Lage war, die seine Gegenspieler zu überlaufen. Heute wissen die Mannschaften, dass man die sich sehr ähnelnden Mittelstürmer de Jong, de Camargo und Hanke fast an der Mittellinie alleine lassen kann, weil sie im Zweifelsfall jederzeit einzuholen sind. Dadurch können die Gegner ihre Spieler immer weiter vors Gladbacher Tor schieben, die Räume eng machen und Fehler im Aufbauspiel der Borussen produzieren. Konter drohen allenfalls durch Patrick Herrmann, der im rechten offensiven Mittelfeld in der Regel aber zu weit weg ist vom gegnerischen Tor, um echte Bedrohung zu sein. Ein Tor wie das 0:1 in Leverkusen durch Herrmann nach langem Ball von Arango geben einen Fingerzeig darauf, das Patrick Herrmann – obwohl derzeit ebenfalls indisponiert – wohl der einzige im Gladbacher Kader ist, der die notwendige Schnelligkeit mitbringt und seine Bundesligatauglichkeit schon unter Beweis gestellt hat, um auf der Reus-Position zu spielen.

Stellt man die Neuverpflichtungen heute auf den Prüfstand, sieht man einen überforderten Alvaro Dominguez, der vor allem im defensiven Kopfballspiel große Defizite hat und der von der Robustheit in deutschen Strafräumen fast etwas überrumpelt zu sein scheint – aber keinen Innenverteidiger, der Hoffnung gibt, in nächster Zeit 7 bis 8 Millionen Euro wert zu sein und damit in dieser Saison teuerster Bundesliga-Einkauf auf dieser Position zu sein.

Bei Granit Xhaka überwiegt derzeit die mangelnde taktische Disziplin dessen Fähigkeiten, offensiv Akzente zu setzen. Auch hier hätte ein Transfer, der nur ein Bruchteil der Xhaka-Millionen gekostet hätte, die Elf wahrscheinlich nicht schlechter gemacht. Bei Luuk de Jong erschreckt am meisten, mit welcher körperlosen Schüchternheit er in die Zweikämpfe geht. „So einer soll 12 Millionen wert sein?“, fragen sich da einige zu Recht, und denken sehnsuchtsvoll an die Klasse von Torjägern wie Lewandowski, Barrios, Harnik, Ya Konan, Ibisevic oder Abdellaoue, von denen kein Spieler mehr als 5 Millionen gekostet hat, manche sogar deutlich weniger.

Bei Peniel Mlapa, vermutlich als „schneller Stürmer“ verpflichtet, verdichten sich die Hinweise, dass es nicht nur an Ballkontrolle und Spielverständnis mangelt, sondern darüber hinaus auch Einstellungsprobleme zu Tage treten, die ihn kaum zu einem Hoffnungsträger machen.

Unter dem Strich steht, dass nicht abzusehen ist, wie Lucien Favre die Probleme fehlender Durchschlagskraft und Schnelligkeit im Sturm lösen kann. Ihm fehlt schlicht das geeignete Personal dafür. Die Gladbacher Mannschaft wird sich weiter darauf einstellen müssen, dass ihre Gegner sie extrem früh unter Druck setzen und versuchen werden, sie zu Fehlern im Aufbauspiel zu zwingen. Der Hinweis darauf, dass die Gladbacher schon in der Rückserie der erfolgreichen letzten Saison ihre Probleme hatten, weil die Gegner Marco Reus den Raum genommen haben, ist zwar richtig, die daraus gezogene Schlussfolgerung aber falsch: Auf flinke Spitzen und Mittelfeldspieler, die ein schnelles Umschaltspiel praktizieren können, wird man auch in dieser Saison nicht verzichten können, auch wenn einem daran gelegen ist, die Abschlussstärke im Strafraum zu erhöhen. Die Trägheit, mit der sich derzeit die Gladbacher Offensive über den Platz quält, macht nicht unbedingt Hoffnung darauf, dass sich diese ja größtenteils veranlagungsbedingte Konstitution im Training ausmerzen lassen würde.

Man hat nicht die Spieler, die man bräuchte. Dies ist in Anbetracht der hohen Transferausgaben dann doch zu wenig.

Von Eduard Eschle

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