Gewalt(tät)iges Mittel zum Zweck?

Juliettes Berührung kann Menschen töten. Diese „Gabe“ ist auch der Grund, weshalb sie seit einem Jahr in einer Gefängniszelle vor sich hin vegetiert. Die Welt, in der sie lebt, ist so zerstört wie ihr Selbstbild. Doch bevor sie sich mit einem klanglosen Ende in ihrer Zelle abfinden muss, kommt alles anders ganz als gedacht.

Unsere Welt ist in einigen Jahren so gut wie zerstört. Die Pflanzen und die Tiere starben und mit ihnen die meisten Menschen. In dem Chaos trat plötzlich das „Reestablishment“ auf den Plan und versprach, wieder Ordnung in die Gesellschaft zu bringen. Jetzt ist es ein grausames Regime, das mit allen Mitteln an der Macht bleiben will.

Eines dieser Mittel ist Juliette. Sie gehört zu den wenigen Menschen, die plötzlich eine besondere Gabe einen besonderen Fluch tragen. Ihre Berührung verursacht Schmerz. Die Gesellschaft grenzt sie aus und selbst ihre Eltern lehnen sie ab. Als sie aus Versehen einen kleinen Jungen tötet sie will ihm nur helfen, wird sie ins Gefängnis geworfen. Nach fast einem Jahr wird ein Vertreter des Reestablishments auf sie aufmerksam. Er möchte ihre Gabe dazu nutzen, seine Machtposition zu festigen. Doch er hat nicht mit dem Widerstand in Juliette gerechnet und erst recht nicht mit den Rebellen …

Die Kritik

Was das Buch von anderen vergleichbaren Werken unterscheidet, ist unter anderem die Formatierung. Der Autor verliert nicht zu viele Worte darüber, was Juliette möchte, aber nicht haben kann (berührt werden). Derartige Widersprüche beschreibt er nicht umständlich. Die eine Seite von Juliettes Gedanken werden normal formatiert geschrieben, die andere wird durchgestrichen dargestellt. Damit wird die Zerissenheit der Hauptperson noch einmal extra hervorgehoben. Gerade dieser Zwiespalt unterstreicht Juliettes Sehnen und auch ihre Furcht. Dadurch wird der Leser noch stärker in die Geschichte eingesogen.

Das Buch spielt in unserer Welt, nur etwas weiter in der Zukunft. Die Umwelt ist katastrophal zerstört und hat den Menschen die Lebensgrundlage entzogen. Der Autor zeichnet ein durchaus realistisches und gerade deswegen düsteres Bild von ihr. Nicht zuletzt auch von den Menschen und wie sie in einer entsprechenden Situation tatsächlich reagieren könnten. Dabei entwickelt er keine völlig überdrehte Handlung, sondern mischt sie fast schon auf zarte Art mit Fantasy-Elementen. Das Ergebnis ist eine phänomenale Erzählung, die den Leser schnell gefangen nimmt und nicht mehr loslässt. Alles ist möglich und dennoch bleibt alles im Bereich des realistischen. Dazu noch der Hauch über Politik für mehr Tiefe und man wünscht sich, dass das Buch länger wäre. 

Das Einzige, das etwas stört, ist die große Liebeserklärung. Sie wirkt, als hätte der Autor hier selbst etwas lieblos die einfache Variante genommen. Eine kompliziertere Handlungsstruktur hätte dem Buch hier noch etwas mehr Gehalt geben können. Das bleibt allerdings das einzige Manko und die Spannung auf Band 2 ist groß!

Bettina Riedel (academicworld.net)

Tahereh Mafi. Ich fürchte mich nicht.
Goldmann. 9,99 Euro.

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