Geschlechtervorurteile

Wir haben 46 Chromosomen (23 Chromosomenpaare). Davon ist ein einziges bei Männer und Frauen unterschiedlich: Männer haben ein y- Chromosom, Frauen ein x-Chromosom. Männer und Frauen unterscheiden sich also nur in 2,17% ihrer Gene. Dafür wird sehr viel Aufheben um diesen geringen Unterschied gemacht, es wird unheimlich viel gedeutet, interpretiert, gerechtfertigt, gekämpft und vor allem: Vorurteile und Bedeutungen zugewiesen.

Von Katharina Ohana, Psychologische Beraterin, Bestsellerautorin und academicworld-Expertin

 

Katharina Ohana, Psychologische Beraterin

Sobald es mit dem anderen Geschlecht Ärger gibt, wird dieses als Ganzes verurteilt – Hauptsache man ist nicht selbst schuld, es liegt nicht am eigenen Charakter, am eigenen unreifen Verhalten oder gar – Vorsicht Pfui-Wort – an der eigenen Psyche! Denn dann müsste man sich ja verändern, einsehen, dass die eigenen infantilen Erwartungen und die falsch gelernte Liebe das fruchtbare Auskommen mit dem anderen Chromosom verhindern – und nicht dessen pauschale Minderwertigkeit.

Es wird spekuliert darüber, dass Männer nur hinter jungen Körpern und Frauen hinter Status und Versorgerqualitäten her sind. Seltsam nur, dass ja über die Hälfte aller Ehen hält – und einige sind sogar glücklich. Und das liegt daran, dass sich hier zwei reife – Vorsicht wieder das Pfui-Wort –  Psychen treffen, die nicht mit ihren infantilen Mustern aneinander herumzerren, den Hype der Verliebtheit narzisstisch für sich und für immer in Anspruch nehmen wollen.

Doch es gibt auch die Situationen im Beruf oder an der Supermarktkasse, beim Einparken oder in Gesprächen unter Freunden: Schnell sind typische Geschlechtervorurteile ausgepackt, weil es viel einfacher ist, als sich mit den Menschen (geschlechtsneutral) auseinander zu setzen. Da sind Frauen plötzlich hormongesteuert (dabei sind doch die Männer eigentlich diejenigen, die nur an Sex denken) und Männer sind verwöhnte Müttersöhnchen (dabei wollen sie doch sonst nur ihre Väter übertreffen).

Meine böse Frage für diese Woche lautet also:

Wie weit haben Sie typische Geschlechterklischees im Kopf? Wie oft reden Sie sich darauf heraus: Frau wollen ja nur…., Männer sind ja nur….? Wie schwer fällt es Ihnen (in der Behandlung Ihrer Mitarbeiter, Kinder, Wunschpartner, Realpartner) zu akzeptieren, dass wir in den entscheidenden Faktoren geschlechtslos und grundsätzlich gleich sind, und dass wir uns daher mit den anderen wirklich aussöhnen und gut auskommen könnten?

Gehen Sie davon aus, dass die Unterschiede genetisch gesehen minimal sind – und selbst diese werden noch vom Umfeld beeinflusst. Bis zum zweiten Schwangerschaftsdrittel, also die ersten drei Monate unserer Existenz, sind alle Föten identisch weiblich. Erst dann produziert das y-Chromosom eine Substanz (TDS) die aus den Eierstock-Zellen Hoden werden lässt usw.. Es gibt nur minimale Unterschiede in den Hirnen, sehr wohl aber in dem, wie wir unsere Neuronen programmieren. Und: Wir können sie umprogrammieren. Jeder der daran glaubt, dass er einen freien Willen hat, ist geradezu dazu verpflichtet, sich nicht mehr mit dummen Vorurteilen über das andere Geschlecht herauszureden, wenn man mit einem anderen Menschen nicht auskommt – nur weil dieser zufällig ein einziges anderes Chromosom hat. 

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