Georges Simenon: Der Untermieter

Kennen Sie Ihren Nachbarn?
Der junge Elie Nagéar, ein Jude portugiesischer Herkunft, der einen großen Teil seiner Kindheit in der Türkei verbracht hat, kommt nach Brüssel – im Gepäck viele Teppiche, Hoffnungen auf das große Geschäft und seine junge Geliebte Sylvie, die er auf der Reise kennen gelernt hat. Doch schon nach kurzer Zeit wird der Träumer mit der harten Realität konfrontiert. Nicht nur, dass er von einer starken Grippe geplagt wird, auch das Teppichgeschäft erweist sich als Flop und da ihm langsam das Geld ausgeht, wendet sich auch Sylvie immer mehr von ihm ab.

Folgenschwere Tat
Als er bemerkt, dass sein holländischer Nachbar eine große Geldsumme mit sich trägt, fasst er einen folgenschweren Plan. Auf einer gemeinsamen nächtlichen Zugfahrt nach Paris erschlägt Elie den Mann, stiehlt sein Geld und kehrt unerkannt nach Brüssel zurück, wo er Sylvie seine Tat gesteht. Diese setzt sich kurzerhand für den jungen Mann ein, der ja nun auch wieder „flüssig ist“ und bringt ihn in der Pension ihrer Mutter unter. Dort wird der unbekannte Elie herzlich aufgenommen und beginnt, sich immer wohler zu fühlen. Vor allem Sylvies Mutter nimmt sich des jungen Mannes an. Während draußen die Polizei den Mörder sucht, fühlt sich Elie in seinem Unterschlupf  behütet wie ein kleines Kind. Dieser Zustand gerät allerdings in Gefahr, als ihm die Ermittler immer dichter auf den Fersen sind und auch Sylvie ihren ehemaligen Geliebten lieber heute als morgen los haben würde. Und auch die Hausherrin ist sich mittlerweile nicht mehr sicher, wen sie da in ihrer Pension aufgenommen hat…

Schwache Männer, starke Frauen

Wie immer zeigt Simenon auch in dieser Erzählung sein besonderes Talent zur Beschreibung von Zuständen, Charakteren und Stimmungen. Man kann sich die Situation von Elie sehr gut vorstellen, der in der Familie einen sicheren und geborgenen Unterschlupf findet, wo er sich völlig einigelt. Auch dass er sich so sehr in das fiebrige Delirium hinein steigert, zeigt, dass er jeglichen Bezug zur Realität verliert und auch verlieren will. Während die jungen Frauen, Sylvie und ihre Schwester, eher den bodenständigen, listigen und zielstrebigen Part übernehmen, verkörpert Elie den schwachen, manipulierbaren und kränklichen Typ, der zwar die Kraft hat, eine schreckliche Tat zu verüben, dann aber im Nachhinein von den Frauen beschützt werden muss.

Fazit: Was toll an Simenon ist: kurze, schnell gelesene Erzählungen mit einer ganz besonderen  Schilderungsweise, die immer wieder Spannungsmomente aufbaut und einen Hauch von Schauder erzeugt, obwohl das Ende meist erahnbar ist; unbedingt empfehlenswert, v.a. auch in der hübschen Diogenes-Ausgabe mit extra Einmerkbändchen.

188 Seiten

Diogenes; Revidierte Übersetzung (November 2010)

9 Euro


Stand Januar 2011
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