Geniale Rettungsaktion 3032

Ein Leben nahe der Landebahn eines Flugplatzes – kaum vorstellbar. Und trotzdem: Der 14-jährige Gieles, seine Familie und seine Gänse machen das Beste daraus – ebenso wie viele Anwohner, die hier verwurzelt sind und die gemeinsam eine eingeschworene Gemeinschaft bilden. Mittels eines geheimen Projekts will er seine Mutter dazu bewegen, bei ihm und der restlichen Familie zu bleiben. Doch die Durchführung erweist sich schwieriger als gedacht…

Rezension Gleitflug

Der 14-jährige Giles wächst direkt neben der Landebahn eines Flughafens auf – die Erweiterung und damit die Vertreibung der letzten Anwohner wurde bereits geplant. Während die Anwohner im ständigen und zunehmend verzweifelten Kampf mit der Flughafengesellschaft stehen, arbeitet  Giles Vater als Flughafenförster und hält die Landebahn von Vogelschwärmen frei. Sein Onkel Fred versucht  ebenfalls, das Beste aus der Situation zu machen und betreibt auf dem Gelände einen Campingplatz für „Plane spotters“.

Gänseliebhaber

Gieles sind seine vier Gänse sehr ans Herz gewachsen. Er fühlt sich für sie verantwortlich und bemüht sich darum, sie zu erziehen und ihnen kleine Kunststücke beizubringen. Nebenbei arbeitet er an einem Aufsatz über das nahe Pumpwerk am Deich und lernt im Internet „Gravitation“ kennen, ein geheimnisvolles Mädchen, das nicht nur wegen ihres provozierenden Äußeren auffällt und deren Bann er sich bald nicht mehr nicht entziehen kann.

Mutter mit einer Mission
 
Doch trotz aller Aufgaben und Ablenkungen vermisst er seine Mutter, die es wieder einmal für wichtiger hält, auf einem Hilfsprojekt in Somalia unterwegs zu sein, statt Zeit mit Gieles und seinem Vater zu verbringen. Deshalb arbeitet er an einen geheimen Rettungsplan für seine Familie, bei dem er mithilfe seiner zahmen Gänse die Aufmerksamkeit seiner Mutter endgültig auf sich ziehen will.  Doch vieles an dem Plan ist noch unsicher, das Risiko ist groß. Dennoch will er das Wagnis eingehen – wird es ihm gelingen, die Gänse zum Gehorsam zu erziehen?  

Gemeinschaft neben der Bahn

Die Autorin führt den Leser bereits zu Beginn direkt ins Geschehen: sie führt ihn auf den Polder des Flughafens, gleich neben der Landebahn. Zusammen mit  Gieles begibt man sich zu ihm nach Hause, zu seinem Vater Willem, seinem Onkel Fred, den vier Hausgänsen, und natürlich zu all den anderen Personen, die am Rande des Flughafens versuchen, das Beste aus ihrer Wohnsituation zu machen. Ein Umzug kommt für die meisten nicht infrage, jeder ist auf seine Art hier tief verwurzelt.

Wir lernen Gieles‘ Umfeld kennen, seinen Freund, die anderen Anwohner des Flughafengeländes und schließlich auch den geheimnisvollen und außergewöhnlich dicken Journalisten Waling, der Gieles nach und nach immer mehr in die arbeitsame und entbehrungsreiche Entstehungs-Geschichte des Polders einweiht. Diese Geschichte um die Trockenlegung des Marschlandes hat mich genauso fasziniert wie das aktuelle Geschehen und ich konnte es wie Gieles kaum abwarten, bis er einen weiteren Fortsetzungsteil von Waling erhielt. Dass am Ende alle Erzählstränge passend und zusammengeführt werden, versteht sich dabei von selbst.

Ohne Gans nichts los

Es ist erfrischend und beruhigend zugleich zu sehen, wie Gieles mit seinen zutraulichen Gänsen umgeht, die jedoch –„gans“ ihrer Natur gegeben, nicht immer so reagieren, wie er es sich wünscht – was ihn oftmals an den Rand der Verzweiflung bringt. Denn immerhin ist ihr Mitwirken für seinen gefassten Plan unerlässlich und somit auch ihr Gehorsam.

Gieles Gedanken und Handlungen sind für den Leser nachvollziehbar, da sie in „seiner“ Sprache bzw. der Sprache eines Jugendlichen erzählt werden. Man spürt, dass  die Autorin nicht vergessen hat, wie es sich in diesem Alter anfühlt – eine Zeit, die von innerer Unruhe, Zerrissenheit, Zweifel und der Suche nach der eigenen Identität geprägt ist. Berührend stellt sie das Verhältnis zu seiner meist abwesenden Mutter dar, die Gieles zwar innig liebt, aber einfach viel zu weit weg ist, um ihm in dieser wichtigen Zeit wirklich ein Hilfe sein zu können. Kein Wunder, dass er nach einem Weg sucht, sie von weiteren Reisen in die Ferne abzuhalten …

Das Menschliche steht im Mittelpunkt

Sehr berührt und nachdenklich gestimmt hat mich der Umgang der Menschen miteinander im Buch – Menschen mit Stärken und Schwächen, die aber hin und wieder auch durch unerwartete Handlungen für Überraschung sorgen und die man einfach liebgewinnen muss. Auch wenn bei den Bewohnern nahe der Landebahn bei weitem nicht immer alles „rundläuft“, so sind Respekt, Verantwortung und Liebe klare Werte, die beim Lesen eindeutig vermittelt werden.

Man kommt zur Ruhe in einer hektischen Zeit

Dieses Buch ist beruhigend, beruhigend wie ein Gleitflug. Anne-Gine Goemans benötigt keinen lauten Motor, sondern es sind die leisen Töne, die dieses Buch und diese Geschichte ausmachen, die den Leser faszinieren, in das Geschehen hineinziehen und die einen jede Gleit- bzw. Leseminute genießen lassen. Dabei  ist es keineswegs langweilig, sondern besticht durch viele kleine Begebenheiten, durch einen flüssigen und lebendigen Erzählstil, große und kleine, ernste und auch lustige Begebenheiten und natürlich durch die Frage, ob Gieles “Geniale Rettungsaktion 3032“ am Ende erfolgreich verlaufen wird. Ich fand es schade, als ich am Ende meines Fluges und somit am Ende des Buches angelangt war – ich wäre gerne noch ein wenig mit Gieles und seinen Gänsen weitergeflogen…

Fazit: Autorin Anne-Gine Goemans hat einen modernen Roman geschrieben, der ans Herz geht und für Familie, Freundschaft, Liebe, Schuld und Identitätsfindung steht. Dabei ist er unterhaltsam, facettenreich und fesselnd zugleich. Absolut empfehlenswert für alle, die Wert auf anspruchsvollere und gute Unterhaltung legen!

Birgit Theis (Academicworld-Userin)

Anne-Gine Goemans. Gleitflug
21,95 €. Suhrkamp/Insel

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