Geister der Vergangenheit

Es ist der Mord an seiner Schwester, der das Leben von Paul Copeland nachhaltig beeinflusst hat. Er selbst war damals im gleichen Feriencamp unterwegs, wo sie auf ihren Mörder traf. Doch nicht nur sie, auch andere Jugendliche starben. Jetzt? Liegt eines der Opfer als 40-jähriger Mann frisch tot auf dem Obduktionstisch …

Zwanzig Jahre ist es her, dass vier Jugendliche nachts in einen Wald liefen. Zwei wurden kurz darauf brutal ermordet aufgefunden. Von den anderen beiden fehlt seither jede Spur: Gil Perez und Camille Copeland. Camille war die Schwester von Paul Copeland, mittlerweile ein angesehener Staatsanwalt und gerade mit seinem ersten Mordprozess konfrontiert.

Da wird plötzlich die Leiche von Gil Perez gefunden, und über Nacht holt die Vergangenheit Paul wieder ein. Stolpersteine gibt es dabei viele, angefangen mit Perez‘ Mutter: Die identifiziert seine Leiche einwandfrei als ‚nicht ihr Sohn‘ – und Cope hat keine Ahnung warum. Wenn Gil überlebt hat – was war dann mit seiner Schwester? In der Zwischenzeit meldet sich Lucy bei ihm, seine Ex-Freundin aus der Zeit der Morde. Pikantes Detail: Ihrem Vater gehörte das Camp, in dem die vier (drei) Jugendlichen ihr Leben ließen. Cope versucht herauszufinden, was damals wirklich geschah, und gerät immer tiefer in einen wahren Albtraum …

Wechselhaft gleich abwechslungsreich

Ein wunderbarer Thriller! Die Perspektive wechselt zwischen den Zeiten: Cope’s Ex-Freundin Lucy erhält über Studenten ihres Schreibkurses Berichte über das Geschehen damals. Damit kommen die Leser dem Geschehen viel näher als durch bloße Erinnerungen der beiden Hauptpersonen. Außerdem wechselt die Ansicht der Personen: Mal steht Cope, mal Lucy im Fokus des Geschehens. Zur reinen Spaß an der Laune gibt es dann noch ein zweites Gerichtsverfahren, in dem Cope mit seine Chef-Ermittlerin Muse festhängt. Damit gibt es keine langen Passagen, in denen der Leser seinerseits stecken bleibt und man fragt sich ständig: Wie geht dieser Handlungsstrang aus? Wie jener?

Die Charaktere sind glaubwürdig, charmant und sympathisch. Cope ist kein schlechter Typ. Anstatt sich aber mit Moralaposteln zu quälen, nutzt er seinen Staatsanwalt-Status schon mal, um Drohungen auszustoßen. Die rechtlich nicht ganz einwandfrei sind, aber dafür wirksam. Das Ganze schafft er, ohne als großartiger Macho dazustehen. Seine Chef-Ermittlerin Muse (beachtet die Namensgebung!) ist gewissenhaft, karriereorientiert und intelligent. Aber auch menschlich, treu und loyal. Lucy ist ein ungewisser Faktor. Sie lässt der Autor gleichermaßen außen vor wie er sie involviert. Das gibt am Ende eine ganz besondere Note!

Apropos Ende: Es ist grandios. Anstatt einer großen Bombe lässt Coben viele kleine platzen – und das am laufenden Band. Es gibt nicht das eine große Verbrechen, sondern eine äußerst interessante Verkettung von Zufällen, Umständen und Personenkonstellationen. Damit wird aus „Das Grab im Wald“ ein sehr gut gesponnener Krimi.

Bettina Riedel (academicworld.net)

Harlan Coben. Das Grab im Wald.
Goldmann Verlag. 9,99 Euro.

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