Gaudí in Manhattan

Antoni Gaudí i Cornet (1852 – 1926), Foto von 1878

Carlos Ruiz Zafón hat mit “Gaudí in Manhattan” eine kleine Besonderheit aus dem Leben des größten katalanischen Architekten, Antoni Gaudí, herausgepickt und sie zu einer kleinen phantastischen Erzählung weitergesponnen: Gaudís nie vollendetes Projekt, einen Wolkenkratzer in Manhattan zu bauen. Aus vielerlei Gründen lesenswert!

Ein junger Architekturstudent im Barcelona des frühen 20. Jahrhunderts bewundert und verehrt niemanden so sehr wie Antoni Gaudí, den großen Architekten des katalanischen Modernismo, jenen Architekten, der sich dem Bau der Sagrada Familia verschrieben hat. Jener Mann, der sich beim Bau dieses letzten Meisterwerks betont geduldig gibt, denn, so sagt er, “mein Kunde hat keine Eile”.

Unmoralisches Angebot

Zur Begeisterung des Studenten wird dieser seinem großen Vorbild als Dolmetscher empfohlen. Er lernt Gaudí in dessen Arbeitszimmer in der Sagrada Familia kennen und macht sich mit ihm auf den Weg nach New York, wo ein einflussreicher Magnat auf Gaudí wartet, um diesen zum Bau eines Wolkenkratzers zu bewegen. Als Person hinter dem potentiellen Auftraggeber verbirgt sich eine dunkle, blasse Frau, die in Erscheinung und Verhalten an den Teufel erinnert.

Der Bau des Wolkenkratzers würde Gaudí genügend Geld bringen, seine Sagrada Familia baldmöglichst zu beenden. Dennoch erscheint dem Prinzipientreuen dieses faustsche Angebot so unmoralisch, dass er letztlich ablehnt. Der Architekturstudent sieht Gaudí in Tränen ausbrechen. Nach dem Gespräch mit der Auftraggeberin irrt Gaudí ziellos durch die Straßen Manhattans, wo er beinahe von einer Trambahn überfahren wird. Als beide nach Barcelona zurückkehren, schließen sie einen stummen Pakt, nie über dieses Ereignis in Manhattan zu sprechen.

La Sagrada Familia – Gaudís großes Meisterwerk © German Ramos

Projekte und Pläne

Carlos Ruiz Zafóns Gaudí in Manhattan ist ein wahres Kleinod. Lediglich 59 Seiten stark mit sehr wenig Text auf jeder Seite, ist das Büchlein eine – so wie der Autor es selbst nennt – phantastische Kurzgeschichte. Bebildert ist diese dabei mit wunderschönen Aufnahmen der Sagrada Familia, die ihre Entstehungsgeschichte (die ja bis heute noch nicht vollendet ist) darstellt.

So hätte das wahre Hotel Atracción nach Gaudís Vorstellungen aussehen sollen. Entwurf von Antoni Gaudí i Cornet (1852-1926)

Was auffällt ist, dass Gaudi in Manhattan letzten Endes gar nicht so phantastisch ist, wie man vielleicht glauben mag. Vielmehr hat Zafón einen bemerkenswerten Aspekt in der Vita dieses großen katalanischen Künstlers zum Anlass genommen, seine eigenen Gedanken darum zu weben. Denn Gaudí hatte tatsächlich geplant, ein Wolkenkratzer in Manhattan zu errichten: Das Hotel “Atracción” mit einer Höhe von weit über 300 Metern. 1908 baten zwei amerikanische Unternehmer dem Architekten das Projekt an, das er jedoch nie vollendete. Diese Pläne gingen verloren und kamen erst 1956 wieder ans Licht.

Ebenfalls Wirklichkeit ist die Tatsache, dass sich Gaudí mit zunehmendem Alter und wachsender Religiosität einzig dem Bau der Sagrada Familia versprochen hat. Seit jeher ist der bis heute nicht vollendete Bau von Spenden abhängig, da er einzig und allein der Lobpreisung Gottes – als wahren Bauherrn – dienen soll.

Zafón macht aus beiden Realitäten eine wundersame Geschichte, die von Gaudí in Manhattan, wo der Teufel selbst ihm ein unmoralisches Angebot unterbreitet. Das Angebot, einen Wolkenkratzer in der Stadt der (architektonischen) Sünde zu bauen, um genug Geld zu verdienen, seinen sakralen Bau, sein Meisterwerk zu vollenden. Obwohl verführt, erliegt der Architekt nicht dem Angebot und lehnt ab. Wohl wissend, dass eine schnelle Vollendung der Sagrada Familia zu seinen Lebzeiten Gründen der Prinzipientreue, Hingabe und Vernunft und somit einer langwierigen Bauphase über den Tod Gaudís hinaus weichen müssen.

Gedanken

Carlos Ruiz Zafón hat sich Gedanken gemacht, was Gaudí dazu bewegt haben mochte, den Bau des Wolkenkratzers nicht zu vollenden, ebenso wie die Frage, warum er den Bau der Sagrada Familia nicht durch Auftragsarbeiten finanzieren wollte. Herausgekommen ist eine kleine Parabel, die diesem wundersamen Architekt unterstellt, alles aus den richtigen Beweggründen, einem Sieg des Guten über das Böse, entschieden zu haben – auch wenn dies bedeutete, dass er selbst die Vollendung seines Meisterwerkes nicht mehr erleben sollte. Antoni Gaudí wurde am 7. Juni 1926 in Barcelona überfahren – von einer Trambahn.

Gaudí in Manhattan ist eine wunderschöne Kleinigkeit – einem Gedanken gleich. Sprachlich gewohnt stark helfen die Bilder der Sagrada Familia der Welt während der Lektüre kurz zu entfliehen und mit Zafón einem Gedanken hinterher zu hängen: Wer war Gaudí und warum war er so außergewöhnlich? Ein kostbares Kleinod.

Florian Jetzlsperger

Carlos Ruiz Zafón
Gaudí in Manhattan
59 Seiten
10,80 Euro

Insel

Stand November 2009

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