Gattaca, New York

Eindrücke aus Übersee: Nirgendwo auf der Welt habe ich bisher so viele perfekte Menschen in einem realen Lebensraum angetroffen wie hier, in Downtown Manhattan, Battery Park City.

Katharina Ohana, Psychologin, Bestsellerautorin und academicworld-Expertin

Morgens gehen zarte, wunderschöne Frauen in Designerkleidchen und Highheels mit dem Designerkinderwagen und der Nanny noch eine unglaublich schmackhafte Latte Macchiato holen, bevor das supersüße Kind der hispanischen Nanny in die Arme gedrückt wird, kurz heult, sich dann aber bereitwillig in den Park schieben lässt, während die Mutter in eines der Hochhäuser verschwindet. 
Abends sieht man durchtrainierte Männer mit Waschbrettbäuchen am Ufer des Hudson River joggen. In Massen. 

Hatte man je den Gedanken, dass es schade ist, dass nicht alle Menschen wunderschön, gut gekleidet, gut gebildet und erfolgreich und jung sind, dann weiß man spätestens nach einer Woche in Südmanhattan, dass das keine so gute Idee wäre. Und es wird einem so deutlich wie nirgendwo sonst klar, dass es keinen Sinn hat, das Leben zu perfektionieren. Denn das perfekte Leben der erfolgreichen Manhattaner folgt einem gnadenlosen Regieplan: Nach dem Elitecollage fängt man bei einer der ansässigen Firmen in den Großraumbüros an zu arbeiten. Es herrscht ein absoluter Leistungsdruck, trotzdem sollte man immer entspannt, freundlich und gutgelaunt sein und vor allem: In a good shape d.h. körperlich auf dem Höhepunkt d.h. sehr gutaussehend. 

Dann geht das Dating los: Der perfekte Partner muss her. Man kann hier Pärchen am Abend durch die Straßen und Bars von TreBeCa flanieren sehen und genau sagen, auf welcher Datingstufe sie gerade sind. (1. Date: Infoaustausch. 2. Date: Charming – flirtendes Lachen und Anekdoten erzählen. 3. Date: Sex) Bei all den wunderschönen, superschlanken, langbeinigen Frauen und Männern fängt der Betrachter sofort wieder an eine neue Hierarchie zu etablieren: Es gibt die Schönen und dann die Wunderschönen und dann die, wo einem der Mund offen stehen bleibt. 

Dann sieht man die Paare am Wochenende ihre unglaublichen, technisch hochentwickelten Kinderwägen schieben: Zu der perfekten Frau und dem perfekten Mann kommen die perfekten Kinder hinzu. Beide Eltern sprechen sie mit überhöht hoher Stimme an: „Goooood boy, gooooood girl“, in 120 Dezibel und zwei Oktaven zu hoch. 

Und über all dem thront am Horizont die Freiheitsstatue und blickt Richtung Europa.

Und dann reißt der Lebensfaden der perfekten Menschen plötzlich irgendwie ab: Man sieht hier, besonders am Abend, kaum Leute über 40 Jahren, es sei denn, sie kehren gerade den Müll zusammen. Wohin werden die nicht Nichtmehrsoperfekten entsorgt? Ein großes Rätsel, dem ich noch auf der Spur bin …

Am ersten Tag freut man sich ob all dieser schönen, erfolgreichen Menschen. Man hat das Gefühl, man ist am tollsten Ort der Welt. Und nach einer Woche fragt man sich, ob das hier nur Theater ist, ob die mit ihrem erfolgreichen Erfolgsplan wirklich richtig glücklich sind. Ab einem bestimmten Punkt muss man das ja dann auch leben: Das ganze Rumgejogge und Gearbeite und Kinderwagegeschiebe ist ja irgendwann vollkommen Alltag. Und die Leute sind so austauschbar, dass man ständig denkt: Hä, war das perfekte Pärchen mit dem süßen Baby nicht gerade schon vor 5 Minuten super leckeren Kaffee holen? Ist der Mann zum Glück ohne T-Shirt nicht gerade eben im unglaublichen Tempo an dir vorbeigejoggt?

Jedenfalls gibt es hier seit neusten am Samstag einen Farmersmarket. Da verkaufen dicke Farmerfrauen aus New Jersy  Äpfel, die nicht aussehen wie  atombehandelt, sondern sogar manchmal Flecken haben. Im Big Apple sind diese Äpfel der letzte Hit. „Look sweethart, they are looking so natural!“, hörte ich eine Mutter in Highheels zu ihrer kleinen Tochter sagen.

Von Katharina Ohana

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