Gänsehaut-Literatur auf hohem Niveau

Gustav Meyrink hat sich mit seinem Roman „Der Golem“ in das kulturelle Gruselgedächtnis eingegraben. Dass der Autor aber durchaus noch mehr zu bieten hat, was 100 Jahre später das Wiederentdecken lohnt, beweist etwa das von dtv neu herausgebrachte „Walpurgisnacht“.

Rezension "Walpurgisnacht"

Über den Sorgen der Stadt

Prag im 1. Weltkrieg. Das Leben für die einfachen Menschen ist hart. Oben auf dem Hradschin dagegen, lässt es sich der alte böhmische Adel fern von Realität und Gegenwart vergleichsweise gut gehen. Doch in ihnen allen schlummert das Blut der Ahnen und wartet nur darauf, die Herrschaft über die aktuellen Ausprägungen der Stammbäume zu übernehmen. Immer wieder werden Verbindungen zwischen den Geistern der Ahnen und ihren Nachfahren hergestellt. Die alten Gemälde gewinnen neue Macht über ihre Betrachter. Schließlich sind die Zeiten wieder ähnlich blutig geworden, wie damals, als sie über die Erde wandelten. So zögern sie nicht das eigene Geschlecht erneut ins Verderben zu schicken.

Am Abend der Walpurgisnacht sitzt man zum Kartenspiel zusammen. Eine ganze Runde verstaubter Kreaturen an einem Tisch. Plötzlich bellt der Hund und es kracht im Freien. Man bringt einen merkwürdigen Mann herein. Jeder scheint in ihm etwas anderes zu sehen, aber kaum einmal etwas Gutes. Die geistige Gesundheit der Kartenrunde ist bald Vergangenheit. Und auch um die Zukunft der jungen Bewohner des Hradschin steht es nicht zum Besten. Den Geiger Ottokar und die  Adelige Polyxena verbindet eine rätselhaft irreale Liebe, die von Anfang an unter keinem guten Stern steht. Und unten, in der Stadt, rumort es gewaltig.

Zu Recht unvergessen

Auch in „Walpurgisnacht“ gelingt es Meyrink, den Leser in seinen Bann zu schlagen. Je mehr sich die Grenzen zwischen realer und okkulter Welt vermischen, desto sprachmächtiger wird auch der Autor. Immer wieder stellt er gesellschaftskritische Bezüge her und schildert dabei sein Prag so anziehend und abstoßend zugleich, dass man nicht weiß in welche Richtung die Gedanken nun als nächstes galoppieren. Hier zeigt sich einmal mehr: Die Zeit zu Anfang des letzten Jahrhunderts war eine Blüte niveauvoller Schauerliteratur.

Gisela Stummer (academicworld.net)

Gustav Meyrink. Walpurgisnacht
8,90 Euro. dtv


Stand Juni 2012

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