Fußballdisse: Erste Halbzeit

Natürlich möchte ich Fußballgucken und Nationalsozialismus nicht auf eine Stufe stellen, trotzdem findet bei beiden einen gemeinschaftlicher Selbstwertpusch statt, der darauf gründet, die eigene Gruppe besser zu wähnen als den Feind. Sicher hat der Fußball unseren archaischen, psychischen Identifikationsmechanismus uns gerne mit den Helden und Anführern der eigenen Gruppe gleichzusetzen, in gute, weil tragbare Bahnen gelenkt. Aber letztendlich liegt eben doch genau diese narzisstische Selbsterhöhung vor, als Teil einer Mannschaft von 80 Millionen Siege davon zu tragen über (hoffentlich) Schwächere. Der Zusammenhalt wird gestärkt: Gut für die Volkswirtschaft und die Stimmung im Land.

Fußballdisse: Erste Halbzeit
Psychologin und Autorin Katharina Ohana

Die FU Berlin führe gerade eine Untersuchung durch, die die Toleranz vor und nach einem Spiel der deutschen Mannschaft bei der EM testet. Ergebnis: Ausländer und alle anderen Andersartigen und Diskriminierten (Juden, Behinderte, Schwule, etc.) werden nach dem Selbstwertpusch durch einen Sieg eine bestimmte Zeit lang negativer wahrgenommen, im eigenen Wertesystem niederer gestellt. Immerhin machen wir Deutschen (und nur wir Deutschen) uns darüber Sorgen.

Bei den vergangenen Welt- und Europa- und Champions League Meisterschaften konnte man tiefgekränkte Personen beobachten, die nach dem Ausscheiden der eigenen Mannschaft Minuten bis Tage brauchten, um ihr Selbstwertgefühl wieder auf den Normalstand zu bringen. Leicht reizbar sollte man in ihrer Gegenwart möglichst keine dummen Witze machen wie: Na ja, Bayern München bekommt in den nächsten 70 Jahren sicher noch mal ne Chance in der Allianzarena die Champions League zu gewinnen … 

Ich habe selbst einmal eine Saison von der Münchner Bundesligafront für das Fernsehen berichtet (wir hatten zu der Zeit sogar 3! Erstligavereine in München – na, wer weiß in welchem Jahr das war und welche Vereine ich meine?) Ich war Praktikantin bei RTL und weil natürlich keiner Bock hatte am Wochenende zu arbeiten und der Sportreporter des Münchner Studios krank war, wurde die Praktikantin mit einem erfahrenen Kameramann ans Spielfeld geschickt. Vorher wurde mir ein Fragenkatalog für Spieler und Trainer aufgeschrieben: Was erwarten Sie von dieser Saison? (äh, den Sieg …) Warum haben Sie verloren, woran lag es? (Wir haben zu wenig Tore geschossen – oder ein My intellektueller – wir haben uns zu wenig Torchancen erarbeitet…) Ich hielt das erst für einen Scherz (Praktikanten beim Fernsehen werden grundsätzlich veräppelt), hab mich kaum getraut so einen Stuss zu fragen, aber er wurde immer ernsthaft beantwortet. 

Mal abgesehen davon, dass dieses Spiel weder Spieler noch Zuschauer je überfordert (weder von seinen Regeln, noch von dem, was es darüber zu sagen gäbe – oh Mann Leute die Abseitsfalle ist wirklich unter dem Niveau vom Dreisatz, also jetzt mal ehrlich), wird Fußball behandelt wie eine Wissenschaft mit zunehmenden Fachbegriffen und Hochrechnungen (Mannschaft x hat 63 % aller Zweikämpfe für sich entschieden – als könnte man mit dieser Rechnung den Sieg der anderen anfechten: Was, ihr hattet mehr Siege in den Zweikämpfen, und die anderen haben auch ständig gefault und der Schiri, das blinde Huhn war am Telefon und hat es nicht gesehen: Na gut dann habt ihr jetzt doch gewonnen, sonst ist das ja ungerecht.). 

Kinder kommen gerne mal nach Hause und sagen: Mami ich war heute der Beste und der Johannes war total schlecht (unverhohlene Schadenfreude): Das ist Fußball für mich: Das innere Kind spielt hemmungslos mit dem inneren Schweinsteiger, äh Schweinehund). Ich steh dann auf der Tribüne des Lebens in der Nordkurve und denk mir: Wie nett, die Kleinen, vielleicht wird der ein oder andere ja mal erwachsen und entwickelt ein unabhängiges Selbstwertgefühl. Damit aus den Kinderspielen hoffentlich nie wieder Ernst wird …

Von Katharina Ohana

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