Furcht- oder Selbstlos? Friedfertig oder Freimütig?

Wenn nach dem Abitur die Wahl des weiteren Lebensweges ansteht, ist das durchaus wichtig – aber auch reversibel. In der Welt von „Die Bestimmung“ wählen die Bewohner mit 16 nicht nur ihre weitere Ausbildung, sondern ihr weiteres Leben, ihre Bestimmung.

Furcht- oder Selbstlos? Friedfertig oder Freimütig?

Du hast die Wahl!

Mut, Wahrheit, Selbstlosigkeit, Wissen und Friedfertigkeit – durchaus Eigenschaften, mit denen man sich gerne identifiziert. In der dystopischen Zukunft von Veronica Roths Roman „Die Bestimmung“ haben sich aus diesen fünf Eigenschaften Fraktionen gebildet, in die sich die Gesellschaft im ehemaligen Chicago aufteilt. Hat man sich einmal für eine davon entschieden, gibt es kein Zurück – nur den Weg in die Fraktionslosigkeit. Weil dieser Ausweg aber zu einer Art Paria-Dasein ohne berufliche Perspektiven und gesicherte Versorgung führt, ist er natürlich alles andere als erstrebenswert. In dieser Welt lebt Beatrice Prior. Zusammen mit ihrem Bruder Caleb ist sie bei den Altruan – den Selbstlosen – aufgewachsen. Dort trägt man stets graue, unförmige Kleidung, schaut nur einmal alle drei Monate in einen Spiegel, isst lediglich einfache, ungewürzte Speisen – und denkt vor allem immer zuerst an alle anderen. Als sie mit allen anderen 16-jährigen zum Test, für welche Fraktion sie sich eignet, antritt, stellt sich heraus: Sie ist eine Unbestimmte, hat Anlagen für mehrere Fraktionen. In Beatrices Welt ist das gefährlich und muss geheim gehalten werden.

Bei der folgenden Auswahlzeremonie entscheidet sie sich dafür, ihre Eltern, Freunde, ihr ganzes bisheriges Leben zu verlassen. Die furchtlosen Ferox sollen es sein. Die, die sich immer schwarz und gefährlich kleiden, meist tätowiert und gepierct sind und nie warten bis ein Zug hält, sondern in voller Fahrt auf- und abspringen. Doch sie hat keine Ahnung, worauf sie sich dabei einlässt. Noch bevor sie in ihrem neuen Zuhause ankommt, muss sie sich unter anderem von einem Hochhaus stürzen. Um ihrem neuen Leben gerecht zu werden, nennt Beatrice sich fortan nur noch Tris. Und Tris hat es nicht leicht: Kämpfe bestimmen ab jetzt ihr Leben – sowohl tatsächlich physisch (und Aufgeben ist bei den Ferox keine Option), als auch gegen die eigenen Ängste (in Ausgefeilten Simulationen) sowie die anderen Kandidaten. Denn: Die Ferox nehmen am Ende nur die Furchtlosesten in ihre Reihen auf. Der Rest landet bei den Fraktionslosen. Wie gut, dass Tris schnell ein paar Freunde zu finden scheint und auch der junge Ausbilder Four sie besonders im Auge zu haben scheint. 

Mit den Folgen musst du leben …

Die Grundgeschichte um Tris ist relativ schnörkellos, aber spannend erzählt. Allerdings hatte es das ganze „auserwählt“ oder „besonders“ sein nicht unbedingt gebraucht – es schadet aber auch nicht. Manchen Zuordnungen merkt man die junge Autorin deutlich an – Roth war erst 20, als sie ihren Erstling niederschrieb; etwa wenn nur die mutigen Ferox sich an Tätowierungen und Piercings wagen. Aber Spannung und Nähe schafft sie jederzeit. Und ganz nebenbei stellt sie noch die großen Fragen nach dem guten Leben und der besten Regierung. In ihrer Welt sind es die selbstlosen Altruan, die die Regierung stellen. Doch die wissbegierigen Ken wollen sich damit nicht länger zufrieden geben. Das hat Folgen, auch für Tris. Um die zu klären braucht es aber auch bei Roth wieder einmal – wer hätte es gedacht – eine ganze Trilogie.

Gisela Stummer (academicworld.net)

Veronica Roth. Die Bestimmung (Originaltitel: Divergent)
9,99 Euro. Goldmann

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