Für immer Steinzeit?

Die ewige Keule: Wie oft muss das Totschlagargument von jagdenden Männern und sammelnden Frauen eigentlich noch herhalten?

Katharina Ohana
Katharina Ohana, Psychologin, Bestsellerautorin und academicworld-Expertin, Foto: Privat

Die Universität of California in Santa Cruz hat über zehn Jahre viele hundert Testpersonen mit Aufnahmegeräten bestückte und ihre tägliche Redekapazität aufzeichnete. Die gerade erfolgte Auswertung hat ergeben, dass Männer durchschnittlich deutlich mehr reden als Frauen. Bei Gesprächen mit ihren Frauen oder mit Fremden haben die meisten Männer ein besonders starkes Mitteilungsbedürfnis und widersprechen ihren Gesprächspartner sehr viel öfter, als Frauen das tun. Nur über persönliche Dinge reden sie insgesamt weniger.

Wir neigen dazu, die Schwierigkeiten zwischen den Geschlechtern mit pseudowissenschaftlichen Evolutionsbehauptungen zu erklären: Frauen haben immer Beeren gesammelt und dabei geschwätzt, Männer mussten auf der Jagd den Mund halten … deshalb wollen Frauen reden und Männer nicht etc … Mittlerweile füllen findige Komiker mit diesen Scheintheorien ganze Stadien und erklären uns von Fernsehgewohnheiten bis zu Handtascheninhalten unser Leben. Dabei wird sich wortreich über angeblich typisch weibliche Eigenschaften, wie Geschwätzigkeit oder Nestbauverhalten, schenkelklopfend lustig gemacht, wohingegen Männer immer nur wahllos ihre Gene unters Volk bringen und Bier trinken wollen. Als Fazit bleibt dann: Männer und Frauen können sich nicht verstehen, das ist von Natur aus so und wird auch immer so bleiben.

Wieso weisen dann aber homoerotische Beziehungen die gleichen zwischenmenschlichen Probleme auf wie Heterobeziehungen? Und hätte die Natur nicht im Sinne besserer Überlebenschancen dafür sorgen müssen, dass Männer und Frauen gut miteinander auskommen, um gemeinsam psychisch und körperlich gesunden Nachwuchs heranzuziehen? Denn nichts greift den Körper und Überlebenswillen mehr an, als Angst, psychische Instabilität und gescheiterte soziale Bindungen.

Viele der aktuellen Studien und die neuesten Erkenntnisse der Gehirnforschung haben gezeigt, dass die Unterschiede zwischen den Geschlechtern oft nur aus Vorurteilen vor dem Hintergrund kultureller Werteprägung bestehen. Hinter der Behauptung, unsere Differenzen wären von den Genen bestimmt und wir könnten somit nichts gegen unsere Verhaltensmuster tun, steht wohl vielmehr eine einfache Ausrede, mit der wir der Mühe entgehen wollen, uns mit den eigenen Verhaltensmustern auseinander zu setzen ?

 

Katharina Ohana moderiert als Psychologin und Philosophin für verschiedene Fernsehsendungen. Ihr neues Buch „Gestatten: Ich – Die Entdeckung des Selbstbewusstseins“ ist beim Gütersloher Verlagshaus erschienen und erklärt die Entstehung unserer Persönlichkeit und unserer Probleme – und wie wir sie loswerden können.

Mehr von ihr gibt es auf  KatharinaOhana.de

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