Fritzchen Müller und Leo DiCaprio

Es gibt in meinem Leben ein paar Lieblingsfeinde. Einer davon ist die GQ: Das Männermagazin für Lebensstil und Anspruch – wie es selbst behauptet. Das Magazin für Hilflose, die sich seltsame (um es nett zu sagen) Orientierung suchen – wie ich behaupte.

Von Katharina Ohana, Psychologische Beraterin, Bestsellerautorin und academicworld-Expertin

Katharina Ohana, Psychologische Beraterin, Bestsellerautorin und academicworld-Expertin

Auf der gerade aktuellen Ausgabe ist Leonardo DiCaprio abgebildet und darunter steht natürlich die ultimative Schlagzeile: „Erfolg, Geld, Models“ (die drei großen Orientierungspunkte im Leben moderner westlicher Männer und solcher die es gerne sein wollen). Ich hab diese Zeitung also noch nicht aufgeschlagen und mir geht die Galle schon hoch. 

Im Magazin wird dem Leser dann „Leos World“ unter der Rubrik „Coach“ als ultimatives Mannsein in der besten aller Daseinsformen verkauft – natürlich mit dem am Rand beworbenen Produkten, für die Hersteller wohl viel Lobby-Maßnahmen für Redaktionsmitglieder haben springen lassen (Charmeoffensiven am Telefon für Bildredakteurinnen, Essen- und Eventeinladungen, denn die GQ ist auf dem Männermarkt eine Marktmacht und ihre Mitarbeiter wissen das).

Im Text steht ein Haufen Mist über Leos Leben, aus den Fingern gesogene Vermutungen, gespickt mit Zitaten aus alten Interviews und geschönt mit dem Verweis: „…sagt er im Interview mit GQ“, mit der er wahrscheinlich gerade mal 10 min in einer Hotel-Suite geredet hat, mit der Klatschredakteurin Annabel (ich stelle sie mir als blondierte, kichernde, nicht mehr ganz junge Redakteurin vor – es handelt sich ja um Leo, da schickt man nicht die Anfänger), die während ihrer Schulzeit ein Austauschjahr im mittleren Westen der USA verbracht hat, weil sie schon damals wusste, sie wird mal Interviews in Englisch mit wichtigen Leuten machen will.

Jetzt steht sie in einer langen Schlange von anderen aufgeregt wartenden, sich nachpudernden Redakteurinnen und gelangweilt telefonierenden Altredakteuren (Leo muss ja seinen neuen Film promoten und hat diese PR-Interviews als Verpflichtung im Vertrag stehen, bzw. ist er an der Produktion und somit am Gewinn, also an jeder verkauften Eintrittskarte des Films direkt beteiligt).

Dann geht’s also nach 10 Minuten „Oh mein Gott, ich spreche mit ihm“ heim oder in die Redaktion und aus den drei Standard-Antworten wird was für den orientierungshungrigen möchtegerncoolen Leser gebastelt, was seine Weltvorstellung möglichst bestätigt: Da soll dann der gute Leo seine „Unterwäschemodel-Testphase“ gehabt haben (natürlich werden sämtliche Models von denen Fritzchen Müller schon mal gehört haben könnte aufgezählt); Bezeichnungen wie „CEO“ und „Privatjet“ werden lässig in Nebensätze eingeworfen. Am Ende noch der selbstgefällige Verweis, dass die kleine Annabel ihn mit einer Frage kurz irritiert hat („Haben Sie schon mal mit `Ich bin der König der Welt´ eine Frau für sich gewonnen?“ – Kicher, kicher, bin ich nicht verwegen und darauf einen Prosecco. Fremdschämen bekommt hier eine neue Dimension… Manchmal hilft es zum inneren Spannungsausgleich Dinge z.B. Zeitungen an die Wand zu werfen – sofern da kein Bild hängt oder eine Vase steht…)

Nicht das es in Frauenzeitschriften auch nur einen Deut besser zugehen würde…

Und natürlich könnte ich es auch einfach vermeiden dieses Magazin (oder ähnliche) in die Hand zu nehmen – selbst wenn sie unfreiwillig vor mir liegen, in Wartezimmern von Ärzten oder auf Wohnzimmertischen von Menschen, die ich besuche. 

Aber es ist diese seltsame Faszination des Grauens, die wir Menschen verspüren, die uns langsam an Unfallstellen vorbeifahren lässt und Horrorfilme erfolgreich macht. Es tut uns wohl gut, unsere eigene Unversehrtheit zu spüren in solchen Momenten, die Deutlichkeit einer eigenen Ich-Grenze zum Bedrohlichen. Denn diese Magazine und Artikel verursachen bei mir nicht nur Übelkeit, ja pure Aggression: Sie sind auch der Grund für ein starkes, bedrohliches Unbehagen. Es kann doch nicht sein, dass ich in einer Welt leben muss, in der Männer sich an so einem Mist orientieren, in der sie so sein wollen, in der ihre Unsicherheiten und ihre Orientierungslosigkeit mit so einem Schwachsinn beantwortet wird!!!

Oder noch viel beängstigender: Es kann doch nicht sein, dass Menschen, die ich seit vielen Jahren schätze, mit denen ich lebenswichtige Diskussionen über die Weltformel geführt habe, tief in ihrem Inneren Anteile haben, die irgendwas mit diesem Stuss zu tun haben!!! Nein!!! Ich will nicht, dass die Welt so ist!!! Ich will nicht, dass Männer so was lesen wollen!!! Es soll gute Männer geben, wirklich starke Männer, die nichts mit dieser Art der Weltsicht zu tun haben, die so einen Artikel, so eine Art von Journalismus genauso lächerlich, schwachmatisch, unwürdig, peinlich und degradierend finden wie ich!!! Es kann nicht anders sein! Ich weiß, dass es anders ist. Bitte liebe Welt, lass es anders sein….

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