„Fright Night“: Achtung, bissiger Nachbar!

Schluss mit herzig! Die Zeit der zuckrigen Vampirboys mit Neigung zur Langzeitmelancholie ist vorbei. Jetzt wird wieder ordentlich zugebissen. Und zurückgepfählt. Jedenfalls in „Fright Night“, ab 6.10. im Kino.

Filmplakat zu ‚Fright Night‘ © Walt Disney Studios Motion Pictures Germany

Suburban Horror
Schon der Schauplatz ist Horror pur: Ein geometrisch perfekt ausgezirkelter Suburb vor den Toren Las Vegas`, wo einheitliche Reihenhäuser und gerade Straßen für grauenhaft ausdruckslose Uniformität sorgen. Hier, so scheint es, kann jede Abwechslung nur eine positive sein, vor allem wenn sie in Gestalt des attraktiven neuen Nachbarns Jerry (Colin Farrell) auftaucht. Charley Brewster (Anton Yelchin) und seine alleinerziehende Mutter Jane (Toni Collette) finden ihn jedenfalls nett, nur Charleys kauziger Freund Ed (Christopher Mintz-Plasse) hält ihn für einen Vampir.

Ein verrückter Verdacht, der sich alsbald bestätigt und Charleys wohlgeordnetes Highschool-Leben samt süßem Girlfriend Amy (Imogen Poots) in kurios-riskante Bahnen lenkt.

Was das Übernatürliche betrifft, lebt die heutige westliche Zivilisation in einem Paradoxon. Man weiß alles darüber, kann sich überall darüber informieren, aber glaubt nicht mehr daran. Also wird es medial inszeniert oder gleich auf die große Bühne gebracht.

Auch Charley wendet sich in seiner Not an den wie ein Gothic-Rockstar auftretenden Künstler Peter Vincent (David Tennant), der als Magier des Mystischen – und angeblicher Vampirexperte – große Las Vegas-Shows zelebriert. Im Privatleben ist der selbstherrliche Geek zudem passionierter Sammler von Okkultgegenständen, vorerst jedoch für keine echte Anti-Vampir-Mission zu begeistern. Gleichwohl bildet er im zweiten Anlauf zusammen mit Charley ein höchst schräges Kampfteam, das es mit Jerry und dessen inzwischen angewachsenen Clan aufnimmt.


Mythen im Alltagstest
Seit Vampire in der Popkultur eine ungeheure Renaissance erleben, ist nichts mehr vor ihnen sicher. Na ja, vor ihnen vielleicht schon, aber nicht vor der allmächtigen Unterhaltungsindustrie. Jetzt hat sie sich Tom Hollands Horrorfilm „Fright Night“ von 1985 gegriffen und davon ein Remake produziert. Ein unterhaltsames übrigens.

Regisseur Craig Gillespie nimmt das Genre ernst, doch das Geschehen nicht allzu sehr, was meist die ideale Mischung für eine Parodie abgibt. So weit geht er dann zwar nicht, erlaubt sich aber genug abstrusen Humor, um der Story einen Dreh ins Komische zu geben. Wenn etwa Charley Knoblauchzehen wie Fensterdeko aufhängt, das Krankenhauszimmer seiner Mutter mit unzähligen Kreuzen vollstopft oder mangels Alternativen sich im Heimwerkermarkt für die Monsterjagd ausrüstet, werden populäre Vampirmythen bestätigt und gleichzeitig ihrer nur bedingten Alltagstauglichkeit überführt. Wie Ed mit einer gewagten Pflockauswahl, freilich ohne nennenswerten Plan, hysterisch durch fremde Häuser zu huschen ist irgendwie doch nicht richtig cool.

Überhaupt wird von Drehbuch (Marti Noxon) und Regie der grundsätzlichen Herausforderung sämtlicher Horrorstorys – die Parallelführung von Supranaturalem mit Normalem ohne Preisgabe ans Lächerliche – mit entspanntem Understatement begegnet. Vor dem Hintergrund einer konventionellen Highschool- und Suburban-Existenz haftet Charleys schauerlichen Abenteuern etwas Groteskes an, aber Erwachsenwerden an sich kann ja bereits bizarr sein. Ein Horrorerlebnis mehr oder weniger fällt da kaum auf.

Auch die räumliche Nähe zum modernen Sündenbabel Las Vegas, dem Ort absoluten Entertainment-Overkills, läßt einen Vampir deutlich weniger exotisch erscheinen. In der degeneriert-künstlichen City geht beißen noch als erotische Annäherung durch, und An-der-Decke-hängen wird als tänzerische Performance missverstanden.

Der Vampir next door. Da erscheinen die eigenen Nachbarn plötzlich doch nicht so schlimm … © Walt Disney Studios Motion Pictures Germany

Technik des Grusels
„Fright Night“ revolutioniert nicht das Genre, weiß aber die gängigen Versatzstücke geschickt zu arrangieren, um Schrecken zu erzeugen. Der 3D-Technik kommt hierbei nur eine untergeordnete Rolle zu, auch wenn aufstiebende Feuerfunken in ihrer Mehrdimensionalität durchaus visuellen Reiz erzeugen. Wichtiger ist jedoch die geradlinige, in sich (relativ) schlüssige Narration, der die in weiten Teilen maßvoll eingesetzten Special Effects untergeordnet werden.

Einige Male übertreiben es Maske und Computertechnik allerdings. In Hollywood wird immer noch nicht dem ’less is more’ getraut – zu Unrecht, wenn wie hier ein solider Regisseur mit Sinn für Timing und Grusel-Atmosphäre, eine ordentliche Geschichte sowie spielfreudige, talentierte Darsteller aufeinandertreffen.
Während Anton Yelchin als Schüler mit freundlichem Naturell und eher unterentwickelter Heldenambition überzeugt, trumpft David Tennant als kapriziöser Illusionist mit schmerzvoller Vergangenheit auf. Selbst als er sich mit wenig Fortune, aber viel Grandezza in den Kampf wirft, trägt er punkigen Eyeliner und einen langen eleganten Ledermantel. Zumindest was den dramatischen Look betrifft, ist er den Vampiren weit voraus.


Ein Mann mit Geschichte
Eben jene Ironie, die auf einer Metaebene das Genre bzw. dessen medial mitgeprägte Ikonographie reflektiert und sich simultan als purer Pop zu erkennen gibt, zaubert aus der Schreckensnacht eine, die neben dem Horrorfeeling sogar Spaß erzeugt. Das funktioniert aber auch nur, weil der Bösewicht in seiner definitiven Bedrohlichkeit nicht relativiert wird, stattdessen durch Colin Farrell fühlbare Präsenz erlangt.

Sein Jerry ist kein Kuschelvampir von der Romantikfront, sondern ein unheimlicher Jäger mit dämonischer Seele, dafür ohne Spiegelbild. Etwas fahl und auratisch düster, könnte er auch der Psychopath von gegenüber sein, entpuppt sich entsprechend als Killer von nebenan. In seinen lässigen Bewegungen, der offenkundigen Selbstsicherheit, explizit aber im dunkel brennenden Blick liegt eine ständige Herausforderung, die beängstigend nahe an der Bösartigkeit entlang balanciert – und dabei verdammt sexy ist.
Äußerlich hat er sich perfekt der Umgebung angepasst, die auf etwas wie ihn überhaupt nicht vorbereitet war.

Weder der Suburb noch Las Vegas besitzen Geschichte oder Kultur, sind mitten in der Wüste einfach aus dem Boden gestampft worden. Okkultes existiert allein als Show, Fantasy ist eine PR-Strategie, Mystik purer Style. Der einzige, der beinahe auf etwas wie Tradition und Historie zurückblicken kann, bleibt tatsächlich der über 400 Jahre alte Jerry. Allein seine, in der ansonsten kahlen Wohnung eingerichtete Semi-Gruft, atmet mehr Flair als der gesamte Vorort zusammen. Nur seine rabenschwarze Moral ist nicht gesellschaftskompatibel. Vampire besitzen einfach keinen Sinn für gute Nachbarschaft.

(von Nathalie Mispagel, Kinoexpertin auf academicworld.net)

Fright Night

Regie: Craig Gillespie

Mit Colin Farrell, Anton Yelchin, Christopher Mintz-Plasse, David Tennant,
Imogen Poots, Toni Collette, u.a.

Kinostart: 6. Oktober 2011
im Verleih von Walt Disney Studios Motion Pictures Germany


Stand: Sommer 2011

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