Freunde für alle Hochs und Tiefs

Es gibt sie noch, ebenso liebenswerte wie spannende Bücher für und über Kinder, die so wahr sind wie das Leben und so wild wie die Phantasie. Eines davon, Andreas Steinhöfels Sozialroman mit Krimitouch „Rico, Oskar und die Tieferschatten“, ist jetzt auf sehr hübsche Weise verfilmt worden; ab 10.7. im Kino.

von Nathalie Mispagel, Kinoexpertin auf academicworld.net

 

 

Die Geschichte um die Freundschaft zwischen dem selbsterklärt „tiefbegabten“ Kind Rico und dem hochbegabten Oskar: ein aufregendes Abenteuer nicht nur für Kinder

Es beginnt mit einer Fundnudel

Rico findet eine Nudel, später einen Freund und noch später einen Entführer. – So schlicht würde Rico (Anton Petzold) wohl selbst seine Abenteuer schildern, denn er ist laut eigener Aussage ein ’tiefbegabtes Kind’. In seinem Kopf findet ein Bingospiel statt, dem er nicht immer Herr wird. Dennoch kommt er gut durch den Alltag, weil er Neugier, Uneigennützigkeit und Selbstbewußtsein auf seiner Seite hat, vor allem jedoch eine wunderbare Mutter (toll als burschikose Göre/Mama: Karoline Herfurth). Zusammen wohnen sie in einem Berliner Mietshaus mit jeder Menge interessanter Nachbarn (Axel Prahl, Milan Peschel, David Kross). Als der sympathische Simon Westbühl (die Liebenswürdigkeit in bärenstarker Person: Ronald Zehrfeld) einzieht, scheint gar ein möglicher Vaterersatz in Reichweite.

Bedeutsamer ist freilich Ricos Zufallsbegegnung mit Oskar (Juri Winkler), einem hochbegabten Jungen voller Besorgnis und (darum) einem Mofahelm auf dem Kopf. Kaum haben sie sich kennengelernt, ist Oskar schon Opfer von Mister 2000 geworden. Dieser Kindesentführer hält die Stadt seit Wochen mit ’günstigen Verbrechen’ in Atem, denn er verlangt immer nur relativ wenig Lösegeld. Aus dessen Fängen will Rico seinen neuen und bislang einzigen Freund befreien. Dafür wagt er sich über geographische wie mentale Grenzen hinaus. Denn wenn ein Tief- und ein Hochbegabter zueinander finden, heißt das noch lange nicht, daß ihre Freundschaft mittelmäßig sein muß. Ganz im Gegenteil!

Zwischendurch gibt es Müffelchen

Andreas Steinhöfel, Autor der gleichnamigen, unter anderem mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichneten Vorlage (2008), besitzt eine seltene Gabe. Seine klugen, amüsanten Geschichten voll verschrobener Charaktere, authentischer Emotionen und schrulliger Ereignisse schrammen nah genug an der Realität entlang, um zeitgemäße Lebenskonzepte bzw. Probleme zu thematisieren. Dennoch vermitteln sie den jungen Lesern, deren Wahrnehmungshorizont stets berücksichtigt wird, ein Urvertrauen in diese Welt. Irgendwo findet sich hier immer etwas Geborgenheit, etwa bei Frau Dahling (grillenhafte Großherzigkeit: Ursela Monn), die über Rico wohnt und stets ’Müffelchen’ sowie einen Herz-Schmerz-Film für ihn bereithält. 

Erfreulicherweise haben sich die Drehbuchautoren Christian Lerch, Andreas Bradler und Klaus Döring eng an das Buch gehalten, nur hie und da einen Konflikt verstärkt oder eine kuriose, aus dem ’Rico & Oskar’-Folgeroman entnommene Episode eingefügt – was Anke Engelke zu einem herrlich genervten Auftritt als überforderte Eisverkäuferin verhilft. Die Kinderperspektive auf jenen teils eigenartigen Erwachsenen-Kosmos bleibt gewahrt, es wird weder zu hektisch erzählt noch gefilmt. Vielmehr hebt sich Kameramann Torsten Breuer optische Effekte, z. B. Verzerrungen, auf, um Ricos ’Gehirn-Karussell’ zu veranschaulichen, oder nutzt Zeitraffer, um dessen Unruhe spürbar zu machen. Immerhin geht es um Ricos Sicht auf das abenteuerliche Geschehen: im Buch anhand von Tagebucheinträgen geschildert, im Film von seiner Voice-over kommentiert. 

Gelegentlich braucht es ein entschiedenes ’Mann, Mann, Mann’

Der Kinder-/Jugendkrimi „Rico, Oskar und die Tieferschatten“ mit seinem Kiezkolorit besitzt eine solch frisch entspannte, sommerliche Leichtigkeit, daß auch Erwachsene Freude an ihm finden werden. Allein das Set-Design ist ein Traum, gewissermaßen Pippi Langstrumpfs ’Villa Kunterbunt’ im 21. Jahrhundert. So erstrahlt die gemütlich unperfekte Altbauwohnung von Rico und seiner Mutter in bunten, warmen Farben, was nicht nur ihren etwas chaotischen Alltag, sondern vor allem ihre innige Beziehung widerspiegelt. Die zwei sind sich auf angenehm ungezwungene Weise nahe. Nicht von ungefähr hängen über Ricos Bett jede Menge Zettelchen mit Botschaften der Zuneigung, die ihm seine alleinerziehende Mutter während ihrer Arbeitszeiten gerne hinterläßt.

Mit dieser und ähnlich netten visuellen Ideen beweist Regisseurin Neele Leana Vollmar, daß sie dem originellen, unterhaltsamen Stoff inszenatorisch gewachsen ist. Anstatt auf spektakuläre Akzente zu setzen, vertraut sie wie das Buch auf überzeugende Figuren, eine ebenso abwechslungsreiche wie kindgerecht dramatische Handlung und richtig witzige Dialoge. Von denen kann Rico oft nicht alle Worte verstehen, was er in sehr speziellen Gedankenbildern verarbeitet, filmisch illustriert durch karikatureske, animierte Collagen. Leben (und Sprache) in Schräglage! Rico würde dazu in seiner unverkrampft-erstaunten Art sagen: ’Mann, Mann, Mann’, eine seiner Lieblingsbemerkungen. 

Zuletzt siegt Heiterkeit über das graue Gefühl

Als fabelhafter Wohn-/Spiel-Ort, durch dessen Straßen putziger Deutsch-Indie-Rock hallt wie „Mein Kopf spielt Bingo“ von „Jonathan Express“ oder „Supermänner“ von „Blumentopf feat. Sportfreunde Stiller“ mag Berlin eine perfekt ausgeleuchtete Figur machen. Gleichwohl lauern auch dort realistische Bedrohungen – 1929 hetzten schon Erich Kästners Buchhelden „Emil und die Detektive“ durch die Stadt – und echte Traurigkeit. Frau Dahling hat häufig damit zu kämpfen, was der intellektuell etwas minderbeglückte, aber phantasiebegabte und mitfühlende Rico als ’graues Gefühl’ bezeichnet. Er kennt es ebenfalls. So wie die Angst, die er bereits beim Überqueren der nächsten Straßenecke empfindet. Ab da beginnt für ihn fremdes Terrain. Jene titelgebenden ’Tieferschatten’, die Rico nachts im baufälligen Hinterhaus beobachtet, sind symbolischer wie faktischer Ausdruck seiner Angst. Als er sich ihnen stellt, verschwinden sie.

So bleibt trotz aller Ernsthaftigkeit stets ein heiterer Unterton. Der wird durch gelegentliche, ebenso wie die Buchillustrationen von Peter Schössow stammende Cartoon-Sequenzen akzentuiert, die zudem im Vor- wie Nachspann auftauchen. Rico und Oskar leben zwar in keiner heilen Welt, aber einer, in der man vieles wieder heil machen kann. Übrigens muß man sie nach diesem Film, der alle Zuschauer mit einem Schmunzeln nach Hause schicken wird, nicht für immer verlassen. Die Fortsetzung „Rico, Oskar und das Herzgebreche“ ist bereits für das kommende Jahr angekündigt. Und das ist im Gegensatz zu den meisten Franchise-Movies definitiv keine Drohung!


RICO, OSKAR UND DIE TIEFERSCHATTEN

Regie: Neele Leana Vollmar
Mit Karoline Herfurth, Juri Winkler, Anton Petzold
Verleih: 20th Century Fox of Germany

Kinostart: 10. Juli 2014

Share.