Fremdkörper im Stationsablauf

Insgesamt arbeiteten 2012 ungefähr 28.355 ausländische Mediziner in Deutschland – viele von ihnen stammen aus Griechenland. Sie kommen nach Deutschland in der Hoffnung auf einen sicheren Job in einem professionellen Umfeld. Doch die Erwartungen werden häufig enttäuscht. Dr. Martina Loos berät seit Jahren griechische Ärzte und kümmert sich um deren Integration an deutschen Kliniken – auf Academicworld berichtet sie von den Schwierigkeiten, mit denen diese hierzulande zu kämpfen haben.

© B.Braun Melsungen AG_BVMed-Bilderpool; Griechische Ärzte fühlen sich im klinischen Alltag an deutschen Krankenhäusern oft allein gelassen und hilflos.

Ungefähr ein halbes Jahrhundert nach der ersten Auswanderungswelle aus Europas damaligem „Armenhaus“, droht Griechenland nun erneut der Massenexodus. Waren es jedoch beim ersten Mal überwiegend Arbeiter und Bauern, steht dem Land dieses Mal ein „Braindrain“ hoch qualifizierter Fachkräfte bevor, deren Vorhut seit Jahren die Ärzte und Ärztinnen bilden.

Zu den langen Wartezeiten auf eine Weiterbildungsposition kommen nun auch die schwierigen wirtschaftlichen Verhältnisse, die sehr niedrige Weiterbildungsvergütung (zirka 900 Euro/Monat, keine Bezahlung der Bereitschaftsdienste seit 02.12) sowie die steigende Arbeitslosigkeit als Gründe für die Auswanderungsorientierung hinzu. In Athen und Thessaloniki waren im Mai 2012 zirka 26 Prozent der Ärztinnen und Ärzte unterbeschäftigt bzw. arbeitslos. Denn Griechenland hat mit 5,4 ÄrztInnen für 1.000 Einwohnende die höchste Arztdichte Europas und wie in Deutschland, möchten viele griechische MedizinerInnen nicht auf dem Land oder in der Kleinstadt praktizieren. Von Januar bis Ende Mai 2012 wurden 807 Ausreisebescheinigungen durch die Ärztekammer von Attika erteilt, wobei die Auswanderungsquote der AbsolventInnen der medizinischen Fakultäten ohne Weiterbildung bei 40 Prozent liegen soll. Sehr viele entscheiden sich für die Auswanderung nach Deutschland: Im Vergleich zum Beispiel zu England ist es hier relativ einfach eine Approbation zu erhalten und in einer Klinik angestellt zu werden.

Idealisierte Vorstellungen werden oft enttäuscht

Im Jahr 2011 waren bei der Bundesärztekammer 2.224 griechische ÄrztInnen gemeldet, wobei diese Zahl sich nur auf die offiziellen Anmeldungen bezieht. Insgesamt werden sehr viel mehr als GastärztInnen, PraktikantInnen/HospitantInnen und StipendiatInnen in deutschen Krankenhäusern tätig sein. Außerdem werden nicht alle ausländischen ÄrztInnen von Kliniken und Praxen bei der Ärztekammer gemeldet. Es existiert also eine recht hohe Dunkelziffer. Die bisher an Deutschland interessierten griechischen ÄrztInnen, verfügen selten über Berufserfahrung und kaum ausreichende Sprachkenntnisse. Zu beobachten ist, dass seit 2011 die Auswanderorientierung der FachärztInnen zunimmt. Viele habe Deutschland noch nie besucht, besitzen aber eine idealisierte Vorstellung von der Weiterbildung in deutschen Krankenhäusern, die keinesfalls der Realität entspricht.

Ein junger griechischer Assistenzarzt, der sich seit 1,5 Jahren in der Weiterbildung in der Chirurgie in einem kommunalen Krankenhaus in NRW befindet, drückt sein Erfahrung wie folgt aus:

„Die Krankenhausrealität ist ganz anders als man in der griechischen Uni denkt oder erlebt. Das Gesundheitssystem ist auch anders und man muss die ganze Organisation lernen. Erst als ich in Deutschland war, habe ich viele Dinge, die Sie (Anmerkung der Autorin: mit „Sie“ ist die Autorin gemeint) mir erklärten, richtig verstanden.“ (C.P. E-Mail 09.06:2012, WB Chirurgie, kommunales Krankenhaus, Großstadt NRW, 250.000 Einwohnende, keine Berufserfahrung)

Große Unterschiede im Weiterbildungs- und Gesundheitssystem

Das deutsche Weiterbildungs- und Gesundheitssystem unterscheidet sich sehr vom griechischen, so dass sich die ÄrztInnen trotz der Informationen in griechischer Sprache oft keine Vorstellungen davon machen können, was sie im fremden Land erwarten wird.

Diese Erfahrung machte die Autorin, die seit mehr als sechs Jahren hoch motivierte und medizinische sehr gut ausgebildete Ärztinnen und Ärzten in Griechenland auf ihrem Weg in deutsche Kliniken berät und begleitet. Hierzu zählen Fachsprachunterricht, interkulturelles Training, Bewerbungstraining und Stellensuche. Mit vielen von ihnen steht sie auch nach deren Arbeitsbeginn in Deutschland noch langfristig in Kontakt und unterhält außerdem eine Hotline für diejenigen, die während der ersten sechs Monate nach der Tätigkeitsaufnahme Unterstützung brauchen. Seit Beginn 2012 erhält sie vermehrt Beratungsanfragen von jungen, ihr bis dahin unbekannten ÄrztInnen, die noch während der Probezeit aus einem deutschen Krankenhaus „flüchteten“.

Auf der Grundlage dieses mehrjährigen Austausches sowie einer im Mai und Juni 2012 durchgeführten Befragung von 13 griechischen WeiterbildungsassistenInnen (Fragebögen und Interviews), werden die Schwierigkeiten beschrieben, mit denen die jungen, griechischen MedizinerInnen in deutschen Kliniken konfrontiert werden. Diese beziehen sich auf die ungenügenden und zum Teil falschen Informationen, die sie vor der Arbeitsaufnahme erhalten, die begrenzten Sprach- und Fachsprachkenntnisse, mangelnde Kenntnisse über das Gesundheitssystem, die unzureichende Einarbeitung und Begleitung, die fehlende klinische Erfahrung, sowie ihre Einsamkeit als Folge der ungenügenden Integration.

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