F. Scott Fitzgerald: Gesammelte Erzählungen

F. Scott Fitzgerald 1921 © Gordon Bryont

Vier Bücher voller wunderbarer Erzählungen im Schuber hat jetzt der Diogenes Verlag veröffentlicht. Winterträume – Die letzte Schöne des Südens – Wiedersehen mit Babylon – Der letzte Kuss, so sind die einzelnen Bücher überschrieben. Was macht diesen amerikanischen Erzähler, viele Jahre nach seinem Tod, heute so aktuell?

Die gegenwärtige Weltwirtschaftskrise ist längst nicht überstanden und wie wir die Folgen der Krise überwinden werden, weiß heute noch niemand. In dieser Atmosphäre von Angst, Verdrossenheit, auch Mutlosigkeit, tut es gut innezuhalten und über eigenes Tun und Lassen Nachzudenken.

Aktuelles von Früher

Absoluter Spitzenreiter unter den vielen Erzählungen des wortgewaltigen F. Scott Fitzgerald ist für mich: „Wiedersehen mit Babylon“ Hier bringt der Altmeister der Kurzgeschichte unsere heutige Situation auf den Punkt.

Der Leser schließt Bekanntschaft mit dem Börsenspekulanten Charlie. Der hat alles verloren. Nachdem er ganz schnell das schnelle Geld gemacht hatte, steht er nun plötzlich vor dem Nichts. Das Geld ist weg. Seine Frau ist tot. Er kommt noch einmal an den Ort des Scherbenhaufens zurück.

Auch Charlie fragt sich in seiner Weltwirtschaftskrise vor über 80 Jahren, war der gebaute Turm von Geld und Aktien, von Neid und Mißgunst wohl zu hoch gebaut? Musste er nicht einstürzen? Es ist gut, dass dieser Turm zu Babel eingestürzt ist. Herrlich wie Fitzgerald das alte biblische Symbol in die Moderne holt und mit seiner Hilfe alte Weisheiten verkündet. Er kommt dabei völlig ohne Standpauken oder pädagogischem Zeigefinger aus, gerade dies macht diese Geschichten so lesenswert.

Was bleibt dem verarmten Börsenspekulanten Charlie jetzt noch? Jetzt, da er nichts mehr hat, treten menschliche Züge an ihm hervor. Er erinnert sich an seine kleine Tochter, deren Sorgerecht ihm die Behörden einst genommen hatten. Charlie will mit seiner Tochter neu anfangen.

Auswege

Der Autor drückt nicht auf des Lesers Tränendrüsen, dass hat er nicht nötig. Er beschreibt sachlich und zugleich einfühlsam menschliches Tun das oft im Chaos endet. Aber Fitzgerald bleibt nicht beim Katzenjammer stehen. Immer tun sich in seinen Erzählungen Wege auf wie es weitergehen kann.

Die Erzählungen machen deutlich, immer wird es Zeiten von Gewinn und Verlust geben, vielleicht ist das sogar menschlich, aber wie wir damit umgehen, wie wir diese Zeiten nutzen, darauf kommt es an. Ich halte F. Scott Fitzgerald dazu befähigt, ihn als Lehrmeister zu akzeptieren.

Wenn man sich mit dem Leben des F. Scott Fitzgerald auseinandersetzt, werden die Geschichten umso tragischer. Er hat die Mechanismen unserer Welt analytisch klar durchschaut, sein persönliches Leben jedoch, glich ebenfalls oft über Jahre hinweg einem Scherbenhaufen.

Christian Döring

F. Scott Fitzgerald

Gesammelte Erzählungen

2976 Seiten

89 Euro

Diogenes

Stand Dezember 2009
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