Filmischer Besuch in einer anderen Zeit

Vor 50 Jahren standen in Büros noch geheimnisvolle Gerätschaften. Etwa Schreibmaschinen. Die klapperten nicht nur lustig vor sich hin, sondern machten aus Frauen flotte Sekretärinnen, aus Mädchen verliebte Damen und aus Provinzlerinnen selbstbewußte Siegerladys. So will es jedenfalls die französische Komödie „Mademoiselle Populaire“, jetzt auf DVD und Blu-ray für zu Hause.

Filmischer Besuch in einer anderen Zeit
Als Sekretärin ist sie nicht so der Hit … © Studiocanal

Anachronistisches Kino

Ende der 1950er Jahre in der Normandie gibt es für Mademoiselles, deren Vater einen Krämerladen auf dem Lande führt, nicht viele Alternativen. Heiraten oder – heiraten. Rose Pamphyle (Déborah François) aber träumt von einer Karriere als Sekretärin, weshalb sie sich in der nächstgrößeren Stadt bei der Versicherungsagentur von Louis Echard (Romain Duris) bewirbt. Trotz mangelnder Qualifikation erhält sie die Stelle, besitzt sie doch etwas ganz spezielles: ein außergewöhnliches Tipp-Talent. Das weckt Louis‘ sportiven Ehrgeiz. Er will aus Rose einen Champion an der Schreibmaschine machen. Die lässt sich mit frischer Naivität darauf ein und findet Lebens- wie Liebesglück.

Ein Film wie ein Anachronismus: Menschen statt Superhelden, Dialoge statt Oneliner, Liebe statt Sex (na ja, fast), Kleider-Chic statt Mode-Style, Handwerk statt digitale Effekte. Kurz: Mechanik statt Elektronik. Kein Wunder, dreht sich hier doch alles um einen Apparat, der heute schon Museumsqualität besitzt, in den vergangenen 150 Jahren freilich schwer en vogue war. In „Mademoiselle Populaire“ wird die Schreibmaschine zum Symbol für eine Epoche und gewissermaßen zum Auslöser einer Zeitreise ins letzte Jahrtausend. Die seligen 50er stehen wieder auf, optisch, ideologisch, cineastisch.

Verklärende Nostalgie

Das ist eine nette Idee, auf der Régis Roinsards erster abendfüllender Spielfilm beruht. Als Regisseur von Videoclips und Werbespots hat er ein Gespür für den spontanen atmosphärischen Eindruck, angereichert mit klassischen Klischees, abgerundet von modernen Mätzchen. Seine 1950er Jahre sind ungeheuer authentisch, sofern als Maßstab eine unterhaltsame Melange aus historischer Genauigkeit und einer von Kino wie Werbung forcierten nostalgischen Verklärung gilt. Tatsächlich entspricht dies der gängigen Wahrnehmung von Vergangenheit. Sie ist kein Gebilde aus Fakten, vielmehr ein virtuelles, durch künstlerische und mediale Bearbeitung gefiltertes Konstrukt.

Dessen bedient sich „Mademoiselle Populaire“, ohne gleich ins Zitatenkino wegzudriften. Die 50er werden keineswegs in Schablonenhaftigkeit erstickt, sondern als fröhliche, mit einstigem Kinoflair kokettierende Eskapismus-Phantasie gefeiert. Nicht von ungefähr verweisen die Filmemacher auf Alex Steinweiss, US-amerikanischer Erfinder des Schallplattencover-Designs, als eine ihrer ästhetischen Inspirationsquellen. So betrachtet ist „Mademoiselle Populaire“ eine Art cinematographisches Pendant zur guten alten LP.

Hervorzuheben sind vor allem die liebevoll ausgestatteten, detailreichen Settings und hübschen Kostüme, deren Buntheit Kameramann Guillaume Schiffman gedämpft in Szene zu setzen versteht. Die Cutter Laure Gardette und Sophie Reine wiederum lassen sich selbst bei den rasant montierten Sequenzen der Schnelltipp-Wettbewerbe nicht zu Schnittexzessen hinreißen, während der stimmige Soundtrack von Rob und Emmanuel d’Orlando eine glückliche Verbindung mit zeitgenössischen 50er-Songs eingeht.

Filmischer Besuch in einer anderen Zeit
… aber an der Schreibmaschine dafür unschlagbar. © Studiocanal

Märchenhafte Emanzipation

Solch professionelles filmisches Können, das größtenteils gewitzte Drehbuch von Régis Roinsard, Daniel Presley und Romain Compingt sowie eine pointierte Regie mit Sinn für Rhythmus machen aus „Mademoiselle Populaire“ eine gefällige Rom-Com im Retro-Look. Allerdings nicht mehr. Für eine scharfkantige Satire ist der Film zu boulevardesk, für eine scharfzüngige Gesellschaftskomödie zu seicht, für eine scharfsichtige Hommage, etwa an Werke von Jacques Demy, zu unverbindlich. Stattdessen sucht er primär die märchenhafte Kino-Nostalgie.

Für knapp zwei Stunden Lauflänge ist das etwas zu viel Spielerei und etwas zu wenig Substanz. Gleichwohl entwickelt der Film Charme, vor allem im leichthändig ironischen Umgang mit Gender-Klischees. Ende der 1950er Jahre, kurz bevor die Frauenemanzipation zur Massenbewegung wird, sind Damen keineswegs so unbedarft, wie die Herren immer noch glauben (möchten). Als Sekretärin integrieren sie sich vordergründig einer Männergesellschaft, sind aber längst auf dem Sprung zu Autarkie. Während Louis mit stolzgeschwellter Brust ’seine Entdeckung‘ Rose von Wettbewerb zu Wettbewerb schickt, ertippt sie sich unbemerkt von ihm wie ihr den biographischen Ausbruch. Sie kann etwas, sie leistet etwas, sie ist etwas!

Muntere Liebesverwicklungen

Passend zum Sujet erlaubt sich das Darsteller-Ensemble ein leicht zugespitztes Spiel. Als befreundetes Ehepaar glänzen die wunderschöne Bérénice Bejo und der gewitzte Shaun Benson, die sämtliche Kapriolen von Rose und Louis‘ ungewöhnlicher Beziehung mitfühlend begleiten. Und die hat es in sich; schließlich müssen die zwei eine komplizierte Entwicklung vom freundlich-selbstgefälligen Schöpfer bzw. Trainer samt ungelenk-weltfremdem Zögling zum sich gegenseitig respektierenden Paar durchmachen. Hierbei überzeugt Déborah François mit munterer Pfiffigkeit, die so herrlich Romain Duris‘ gönnerhafte Herablassung untergräbt. 

Filmischer Besuch in einer anderen Zeit

Beide finden in einer reizenden Szene zusammen, die wohl nur in den schöngefärbten 50ern funktioniert. Während Rose bei der Tipp-Weltmeisterschaft in New York hinter der Bühne auf ihren Einsatz wartet, eilt Louis herbei. Sein „Je t’aime“ wird von den sie umgebenden Finalistinnen als internationales Lippenbekenntnis aufgegriffen: „Ich liebe dich. Ti amo. Te quiero.“ Sehr drollig und sehr altmodisch … wie eine Schreibmaschine eben.

Nathalie Mispagel (Kinoexpertin auf academicworld.net)

MADEMOISELLE POPULAIRE

Regie: Régis Roinsard
Darsteller: Déborah François, Romain Duris, Bérénice Bejo, Mélanie Bernier, Miou-Miou

IM VERTRIEB VON STUDIOCANAL
 

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