Fatale Unglaubwürdigkeit

Sie ist eine erfolgreiche Privatermittlerin, die durch einen knallharten Schicksalsschlag aus der Bahn geworfen wird. Bailey Carpenter, die eine ausgewachsene Paranoia entwickelt und von einem Unbekannten in den Wahnsinn getrieben wird.

Bailey Carpenter ist Privatermittlerin. Es ist ihr Job, Leuten hinterher zu spionieren, stundenlang dafür auf der Lauer zu liegen und anschließend vor Gericht ihre Aussagen zu machen. Ihre Nachforschungen führen sie eines Tages in das Gebüsch vor einer Wohnung, in der sie einen Verdächtigen vermutet. Plötzlich wird sie brutal überfallen. Der Täter stülpt ihr einen Kissenbezug über den Kopf und vergewaltigt sie grausam. Am Ende flüstert er ihr einen Satz ins Ohr, der sich für immer in ihre Seele einbrennen wird: „Sag, dass du mich liebst.“

Ein tiefer Fall

Für Bailey ist das der Punkt, an dem ihr Leben in einem tiefen Abgrund verschwindet. Ihren Vergewaltiger hat sie nie richtig gesehen. Sie weiß nur: durchschnittliche Größe, durchschnittliche Staut, zwischen 25 und 40 Jahre alt. Das trifft auf so ziemlich alle Männer zu, denen sie über den Weg läuft. Über die Zeit entwickelt sie eine explizite Paranaoia und vermutet hinter jedem Mann ihren Vergewaltiger. Als Privatermittlerin scheut sie sich nicht, sich selbst in die Polizeiarbeit einzumischen und den ermittelnden Beamten mögliche Verdächtige zu nennen. Leider führt das dazu, dass diese ihr nicht so wirklich glauben. Auch den Typ aus der gegenüberliegenden Wohnung wurde bereits von der Polizei überprüft. So kommt es, dass ihr niemand glaubt, als sie erst beobachtet, wie er seine Freundin schlägt und vergewaltigt und ein paar Tage später kaltblütig ermordet. Sie fühlt sich, als würde sie einfach durchdrehen. Bailey ist fest davon überzeugt, dass sie eine Gefangene ihres Selbst ist. Sie ahnt nicht, wer hier wirklich die Fäden in der Hand hält.

Die Kritik

Es ist ein bisschen schade, dass der Klappentext etwas in die Irre führt. Er stellt den kaltblütigen Mord in der gegenüberliegenden Wohnung als Hauptereignis dar. Zu den ersten gewaltsamen Ereignissen kommt es aber erst gegen Ende der Geschichte, der bereits angekündigte Mord noch etwas später. Vielleicht liegt es auch daran, dass es sich um eine gekürzte Lesung handelt? Jedenfalls sorgt das für ein Ungleichgewicht im Inhalt.

Kaum Thriller-Feeling

Damit wird „Sag, dass du mich liebst“ weniger zu einem Thriller, als einem Buch über den Gemütszustand einer zutiefst verletzten Frau. Sie ist bis in ihre psychischen Grundfesten erschüttert und steht plötzlich wieder in ihrem Alltag: Ein beruflich erfolgsloser Bruder, der ihre Unterstützung benötigt, pleite ist und Drogen wie die Luft zum Atmen konsumiert. Fünf weitere Halbgeschwister, die die und ihren Bruder auf Herausgabe des Erbes verklagen, das ihr reicher Vater ihnen hinterlassen hat. Ihr Liebhaber, der zugleich ihr Chef ist – und sich möglicherweise doch nicht von seiner Familie trennen wird.

Das Ende ist gut: Nach der großen Enthüllung ist es nämlich noch lange nicht vorbei. Die beiden separaten Handlungsstränge bekommen jeder sein ganz eigenes Finale.

Die Umsetzung als Hörbuch dafür sehr gut gelungen. Petra Schmidt-Schaller schafft es, jeder vorkommenden Person eine eigene Stimme zu geben und sie konstant zu halten. Selbst inmitten verschiedener Dialoge wechselt sie sehr mühelos zwischen den Rollen. Der Zuhörer kann der gesamten Erzählung sehr gut folgen.

Das Fazit

Abgesehen davon, dass die Erwartung eines Thrillers nicht erfüllt, ist es eine nette Erzählung. Der Fokus liegt auf Baileys Seelenleben, das eine enorme Verletzung davon getragen hat. Das Ende ist halbwegs offen und zufriedenstellend. Die Hörbuchumsetzung ist spitze – erwartet also keinen klassischen Mörder-gesucht-Krimi, aber ein insgesamt interessantes Hörbuch.

Bettina Riedel (academicworld.net)

Joy Fielding. Sag, dass du mich liebst.
Der Hörverlag. 19,99 Euro.

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