Familienkrieg

Schon vor Jahren wurde Katherine Dunns Buch „Geek Love“ im englischsprachigen Raum zum Kultbuch. Ins Deutsche sei es quasi nicht zu übersetzen hieß es lange. Nun hat sich der Berlin Verlag doch daran gewagt und präsentiert einen Roman, der nichts von seiner Aktualität eingebüßt hat.

Familienkrieg

Was ist schön? Was ist normal? In unseren von Casting-Shows und Schönheitswahn geprägten Zeiten vielleicht genau das richtige Buch, um einmal wieder darüber nachzudenken, ob nicht doch alles vor allem eine Frage der Perspektive ist. Denn in der Familie Binewski ist normal sein verpönt. Um dem Wanderzirkus auf die Sprünge zu helfen, haben Papa Al und Mama Crystal Lil deshalb während der Schwangerschaften mit allerlei Substanzen nachgeholfen, die sonst in dieser Zeit eher nicht anzuraten sind: Drogen, Pestizide, radioaktive Strahlung … Das Ergebnis: Eine ziemlich besondere Kinderschar, aber auch zahlreiche Fehlversuche – in Formaldehyd eingelegt und ausgestellt. Schwierigkeiten macht vor allem Arturo, der älteste (überlebende) Sohn, mit Flossen statt Armen und Beinen. Der Fischjunge ist zwar der unbestrittene Star des Familienzirkus, aber auch übellaunig, skrupellos und maßlos misstrauisch den Geschwistern und ihrem potenziellen Begeisterungspotenzial gegenüber. Da müssen Iphigenie und Elektra, die siamesischen Zwillinge, Olympia, die buckelige Albino-Zwergin und das Nesthäkchen Chick durchaus auch um ihr Leben fürchten. Als Arturo dann auch noch beginnt, eine riesige, sektenartige Gefolgschaft um sich zu scharen, gerät das Leben der Binewsiks komplett aus den Fugen. 

Eine ziemlich irre Reise, die Katherine Dunn hier ihre Charaktere unternehmen lässt. Hinzu kommt die auf zwei Zeitebenen stattfindende Handlung, die zunächst nur von der Erzählstimme Olympia zusammengehalten wird. Obwohl immer klar ist, dass der Familienzirkus kein gutes Ende nimmt, sind die verschlungenen Pfade, die sich auch in der späteren „Gegenwart“ nur wenig andeuten, mehr als überraschen und herrlich absurd durch die Handlung mäandernd. Während sich das Handlungsgeflecht entspinnt, wird es immer haarsträubender, aber auch brutaler. Und dann auch noch diese mehr als reiche und anschauliche Sprache!

Gisela Stummer (academicworld.net)

Katherine Dunn. Binewskis: Verfall einer radioaktiven Familie. 
22,99 Euro. Berlin Verlag.

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