Euphorie-Routine

Nun ist die Zeit der Superlative und der Superemotion der WM also endgültig vorbei. So manch einer ist am Mittwoch in ein tiefes Stimmungsloch gefallen: Die Mannschaft wurde am Montag und Dienstag gefeiert bis zum geht nicht mehr, bis auch der letzte Deutsche 500 x gehört hatte, an was für einem bedeutenden Moment für die „Ewigkeit“ er da jetzt teilnimmt.

Katharina Ohana, Psychologische Beraterin, Bestsellerautorin und academicworld-Expertin

Und man hatte das Gefühl, dass sich jeder beim Feiern selbst schon zuschaut (und mit „Ich-im-Rausch-Selfis“ für besagte Ewigkeit dokumentiert), in dem verpflichtenden Bewusstsein, sich den Rest seines Lebens daran erinnern zu müssen.

Den treffendsten Begriff für diese ganze WM, habe ich zufällig vom Moderator der Fernsehübertragung beim Einzug der Helden in Berlin gehört: „Euphorie-Routine.“ Es bezog sich zwar auf das Feiern auf der Fan-Meile am Brandenburger Tor, das sich – bestens organisiert – genauso abspielte, wie 2006, wo „wir“ zwar nur dritter Weltmeister waren. Dieser Begriff der „Euphorie-Routine“ passt aber wunderbar auf die ganze Emotions-Maschinerie WM, also zu dem sechswöchigen Zeitfenster eines kollektiven Ausnahmenzustandes, der maximal in seiner gelenkten Identitätsstiftung finanziell ausgeschöpft wird. Da sich das Euphorie-Management 2006 bewährt hatte (quasi wie in einer Art Generalprobe für 2014), haben wir jetzt also als Deutsche – Gott sei Dank – Euphorie-Routine. Und ziemlich genau so, nämlich völlig vorhersehbar, wurde das Feuerwerk der Emotionen dann auch abgefackelt: Einzug der Helden, schnell umgetextete deutsche Ohrwürmer („Au revoir, Maracana…“ „Spür, was Fussball mit uns macht…“ zeugt wirklich von sehr wenig Zeit oder sehr viel Alkohol im Feierrausch) und Gehopse auf der Bühne, mit letzten rauschhaften Bekundungen des Wir-Gefühls (gut dass Thomas Müller Fußballer geworden ist:  So unwahrscheinlich seine Tore sind, so unwahrscheinlich ist es auch, dass er mit Tanzen je sein Leben hätte finanzieren können…)

So. Und jetzt sollen wir bitte mit diesem Gefühl der allgemeinen deutschen Großartigkeit das Bruttosozialprodukt ankurbeln. Zurück an die Schreibtische! Denn jetzt ist erst mal wieder Schluss mit lustig. Vielleicht noch mal kurz Auftanken im Urlaub und im Ausland Komplimente für die deutsche Nationalelf einsammeln. Aber spätestens dann (also in 2 Wochen) muss das Geld verdient werden, für die Raten des großen Flachbildschirmfernsehers, der für die WM angeschafft wurde oder für den High-Tech-Grill und das ganze Bio-Fleisch. Tja, und die Versetzungsgefahr vom Junior ist immer noch nicht gebannt, da sollten noch ein paar teure Nachhilfestunden her. Und dann hat der Nachbar sich in der Euphorie-Routine einen neuen BMW geleistet und die eigene Frau den teuren Kinderwagen ausgesucht. Husch, husch zurück in den Leistungsdruck. Schließlich ist in zwei Jahren immerhin schon wieder Europameisterschaft und man will bis dahin mit den eigenen Finanzplänen ja ein ganzes Stück weiter sein. Und leider haben „wir“ ja nicht pro Tournier-Runde, die „wir“ weiter gekommen sind, 100000 bis 300000 Euro Prämie verdient. 

Nach der Euphorie-Routine kommt eben wieder die Lebens-Routine, usw. Das Schöne am Fußball ist ja, dass man für kurze Momente vergiss, dass man sich natürlich so oder so immer nur noch in diesen Routinen befindet. Was sollten wir denn auch sonst tun: Was gäbe es für uns sonst für einen Lebenssinn, als Haus abzahlen, ab und zu ein neues Auto (vielleicht einen Mercedes, die haben ja ihren Stern zum vierten Stern auf dem Helden-Bus so schön in Szene gesetzt), jedes Jahr 2-3 Urlaube, Kinder, die groß werden und die wir in ihre eigene Routine entlassen – und so ca. alle 20 Jahre mal einen deutschen Weltmeistertitel. Der letzte war 1990. Da habe ich gerade Abitur gemacht. Es gab damals den ersten Autokorso und der war noch nicht sehr routiniert. Aber seither wurde diese spontane emotionale Handlung natürlich längt in die Routine überführt (wo kommen wir denn da auch hin, wenn das Gefeiere sich nicht auf die polizeilich kontrollierten städtischen Fan-Gehege konzentriert…) 

Bleibt die Frage, wo wir mit all der Routine und unseren routinierten Emotionen hinkommen. Außer Haus, Auto, Schulbildung für die Kinder und Urlaube (alles natürlich bitte auf höchstem Niveau): Ist das menschliche Leben über diesen Punkt seines optimierten Wohlergehens noch irgendwie anders zu denken? Sind nicht all unsere Bedürfnis-Befriedigungen, Sicherheitsnetze, Leistungsfähigkeiten so ausgeklügelt vermessen und erfüllt, dass wir nun endlich routiniert glücklich sein sollten? 

Können wir die nächste WM (oder den kleinen Bruder EM) ohne Lahm und Klose gewinnen? Was ein Glück gibt es jetzt diese wichtige Frage…..

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